Meiji 150 Year Memorial 明治150年記念

Alan Macfarlane „The independence of a nation springs from the independent spirit of its citizens.“

Als die sog. „Schwarze Flotte“ unter Commodore Matthew C. Perry 1854 in der Edo-Bucht ihre militärische Stärke demonstrierte, dämmerte es vielen Samurai aus der jüngeren Generation, dass das japanische Reich einer grundlegenden Reform in vieler Hinsicht bedarf. Dem großen Shogun und letzten/wichtigsten der drei Reichseiniger (三英傑 ‚Drei Helden‘ genannt; neben Oda Nobunaga und Toyotomi Hideyoshi) Tokugawa Ieyasu (徳川 家康) war es zwar gelungen, das Land gegen Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts kriegerisch zu einigen und eine relativ lange Epoche des Friedens und Aufschwungs in einigen Aspekten herbeizuführen. Doch das Leben vieler Menschen außerhalb aufblühender Städte erinnerte weniger farbgeschmückten Heldenepen, wie sie im Westen beliebt wurden, sondern glich doch eher verschieden düsteren Darstellungen Kurosawas (bes. Sieben Samurai, Yojimbo/Sanjuro … https://amzn.to/2BbADVU). Das vom feudalen Machtmissbrauch lokaler Herrscher/Daimyō (大名) und rückständiger Gier korrumpierte Tokugawa-Shogunat (dem Tokugawa-Clan gehörte zum Schluss ein Viertel des nutzbaren Landes!) endete mit dem Tod des letzten Shogun aus dieser Linie (1867) und der neu auf dem Thron sitzende Tenno Meiji (明治天皇 * 3. November 1852 in Kyōto; † 30. Juli 1912 in Tokyo) nahm die lenkenden Zügel des Landes fest in seine jungen Hände (1868, unterstützt von diversen progressiven Großfürsten und ihren Samurai) – was seit Jahrhunderten keinem der Tenno mehr vergönnt gewesen war. Sämtliche Japaner wurden wieder direkte Untertanen des Tenno, der dem Westen und der Moderne gegenüber aufgeschlossen war, sodass Japan einen sämtliche sozialen Bereiche betreffenden Reformprozess durchlaufen konnte.

Wie Lokowandt feststellt, war es dem Tokugawa-Shogunat unmöglich gewesen, den jahrhundertealten Glauben an die Göttlichkeit des jeweiligen Tenno zu brechen, da auch eine durch Macht- und Militärpolitik erfolgreich gewordene Dynastie der Legitimierung bedarf (E.Lokowandt, Shinto … https://amzn.to/2zZms4n). Die Samurai mussten nicht nur symbolisch, sondern auch in der Praxis ihre öffentlich getragenen Schwerter aufgeben und verloren diverse Sonderrechte. Diese spezialisierte Kriegerkaste hatte Privilegien ohnegleichen und besondere Vorrechte – sie hatten zum Beispiel quasi die herrschaftliche Lizenz zum (auch willkürlichen) Töten und lebten in feudalistischem Wohlstand, solange sie einem vom Shogunat bestätigtem Herrn dienen konnten. Sie verloren durch die allgemeine Wehrpflicht 1872 (seit 1945 aufgehoben) ihren militärischen Sonderstatus. Zwar betrug der Anteil von Samurai an der Gesamtbevölkerung nicht mehr als 5-6%, doch hatten diese eben eine herausgehobene Erziehung und Bildung und stellten fürderhin aus ihren Reihen die Beamtenelite eines Staates, der mit einer neuen Verfassung nach deutschem Vorbild schnell den Anschluss an den Westen suchte (M.Pohl, Geschichte Japans … https://amzn.to/2Dv0hGP) – aus vielen Samurai-Familien erwuchsen nicht allein Krieger, sondern auch Beamte, Künstler, Wissenschaftler, nahezu die gesamte Elite des künftigen Reiches.

150 Jahre Meiji-Restauration werden in diesem Jahr überall in Japan gefeiert, also auch hier im lauschigen Oiso in der Präfektur Kanagawa. In diesem Ort im klimatisch sehr angenehmen Shonan-Areal am Pazifik entlang des uralten Wanderweges Tokaido zwischen Edo und Kyoto (heute als Route No.1 immer noch die wichtigste Verkehrsverbindung zwischen Tokyo und Osaka), ließen sich schon seit langer Zeit gerne Leute nieder. Die etwas weiter oberhalb gelegene Stadt Kamakura war schon in der Heian-Epoche (平安時代 794 – 1185) Regierungssitz – hier am Hofstaat machtloser Tenno und ihrer Umgebung entwickelte sich jene außergewöhnlich verfeinerte Ausprägung japanischer Sitten und Riten, welche Land und Leute kulturell so außergewöhnlich hervorheben (https://japoneseliberty.com/2018/01/17/ueber-gewisse-eigenheiten/https://japoneseliberty.com/2017/12/31/theater-und-andere-darstellungen/). Kamakura ist bis heute ein enormer Anziehungspunkt mit schönen Schrein- und Tempelanlagen und besonders seinem Daibutsu (大仏), eine der weltweit größten sitzenden Buddha-Statuen aus Bronze. Gute Reis- und Fruchternten sowie Labsal spendende Onsen ermöglichten das Aufblühen dieses Landstriches und seine steigende Begehrtheit. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine beliebte Badekultur entlang dieser bezaubernden Küstengegend – obschon die Japaner bis heute zwar gerne im rauen Pazifik surfen und angeln, doch zum Schwimmen nutzen sie lieber großzügige Pools und Badehäuser.

Bald ließen sich einige berühmte Premiers hier nieder, wie Shigenobi Okuma, Munemitsu oder Yoshida Shigeru, von deren früheren Häusern ein bezaubernder Blick über Meer und Land zu bewundern ist. Es waren diese Führer im Geiste der Meiji-Restauration/Periode (明治維新 1868 – 1912), die den Weg Japans in die Moderne leiteten – nach einer mehr als 200 Jahre währenden Abgeschlossenheit des Landes unter jenem Tokugawa-Shogunat, das über Generationen einen speziellen Feudalismus zementiert hatte. Ihre schmucken alten Anwesen (als museale Parks gepflegt; hier konnten sie damals direkt zum Meer spazieren und von ihren häuslichen Badegemächern aus bei guter Sicht den Ausblick auf Fuji genießen) werden in diesem Jubiläumsjahr für spezielle Ausstellungen hergerichtet. Auf diversen Fotos schaut übrigens keiner dieser altvorderen Granden optimistisch, eher so, als wollten sie ausdrücken: ‚Wir lächeln nie, da uns Essenzielles umtreibt!‘ (vielleicht lag es aber auch an der damaligen Fototechnik mit ewig langer Belichtungszeit, in der die Portraitierten gezwungen waren, eine sehr lange Zeit bewegungslos in ihrer Positur zu verharren 😉 ).

Gab es in Deutschland einen vergleichbaren Umbruch, ja eine Zeitenwende? Sicherlich, das Ende des Deutschen Kaiserreiches 1918 und der Beginn der Demokratisierung nach dem desaströsen Weltkrieg, dem bald ein noch zerstörerischer Krieg folgen sollte, war für Europa mindestens ebenso wichtig, wie der Aufbruch Japans in die Moderne für Asien. Im Übrigen gab es in Deutschland 1918 ein völliges Ende der kaiserlichen Macht, während in Japan die jahrhundertelang tradierte Macht des Tenno ab 1868 restauriert wurde. Die Deutschen allerdings pflegen heute wieder gern ihren Hang nach Größe (was die Kanzlerin kurz vor Weihnachten 2015 mit den Worten bestätigte: „Zur Identität unseres Landes gehört es, Großes zu leisten.“) – Größe, die Deutschland nach seiner Reichsgründung bis ins letzte Jahrhundert in Wissenschaft, Kunst und mehr durchaus verkörperte, bevor es sich in kriegerischen Ambitionen und sozialistischen Experimenten verlor. Nun allerdings wirkt dies eher albern, mit zweit- und drittklassigen Politikern, die vorgeben, das Klima, weltweite Flucht-, Migrationsbewegungen oder die europäische Währung koordinieren/kontrollieren zu wollen, doch noch nicht einmal daheim soziale Verwerfungen und sog. Klimaziele beherrschen.

Japan erscheint nach seinem imperialen Auftritt ab dem späten 19. Jahrhundert unter dem Motto „Reiches Land – Starke Armee“ auf der Weltbühne inzwischen weitaus zurückhaltender. Es gab den Drang nach politischer Vormacht in Asien und darüber hinaus nach dem militärischen Zusammenbruch 1945 völlig auf und verabschiedete eine neue Verfassung (1946/47). Heutigentags hat Japan im Angesicht realer Probleme, welche vor allem die Natur, die Geologie dem Land aufbürden, sowie ökonomischen und sozialen Verwerfungen wahrlich genug zu kämpfen, um seinen gepriesenen Grad an Wohlstand für seine Bevölkerung zu halten. Die Leute hier wissen das im Allgemeinen sehr zu schätzen – trotz spezifischer materieller Ungleichheit ist in Japan die soziale Schichtung immer noch erheblich geringer ausgeprägt als in anderen Ländern des Westens mit einem so hohem Lebensstandard und dieses Land folgt seinem spezifisch sozialen Wertesystem (was es zu einem der sichersten und lebenswertesten Länder macht). Die Herausforderungen, welche dieses Land im neuen Jahrhundert zu bewältigen hat, sind so enorm, dass die (bei zugegeben sehr geringer Wahlbeteiligung) Mehrheit eine Führung bevorzugt, die in traditionsbewusster Kompetenz regiert …

https://japoneseliberty.com/2017/10/23/vergleichende-betrachtungen-zur-wahl-in-japan-waehrend-wir-im-stroemenden-regen-die-kuestenstrasse-in-yugawara-zum-wahllokal-eilen-werden-vor-einem-heraufziehenden-taifun-die-fluttore-zum-meere-hin/

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“The call for political freedom took place long ago. The call for freedom of speech is also a thing of the past. Freedom is not a word to be used exclusively for phenomena such as this which are so easily given outward manifestation. I believe that we young men of the new age have encountered the moment in time when we must call for that great freedom, the freedom of the mind … Desire is a frightening thing.(Sanshirō)

Natsume Sōseki born Natsume Kin’nosuke (夏目 金之助 1867 – 1916)

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