Theater und andere Darstellungen

Der letzte Tag im Jahr (Shogatsu) wird hier wie in so vielen Ländern mit besonderer Lässigkeit&Feierlichkeit genossen; es gibt edle Speisen, Reiskuchen verschiedener Art, man wünscht sich Segen, Glück, gesundes, langes und gemeinsames Leben von den Göttern und schon morgens schlürft man vom lecker-sanften, besonders edlen Kinpaku-Sake mit Goldblättchen darin. Der lokale Schrein wird besucht, verbunden mit Segenswünschen an die Götter für das neue Jahr und dem zeremoniellen Verbrennen früherer Segnungen, was einen Neubeginn zu Jahresanfang symbolisiert. Vielen Japanern stehen am Jahresende ein paar freie Tage mehr zur Verfügung, neben „Golden Week“ April/Mai nach Sakura auf der Hauptinsel Honshu, „Silver Week“ im September, wenn für viele Japaner mit dem Nationalfeiertag ein verlängertes Wochenende eingeplant wird, und der im Verhältnis zu Westeuropa recht schmal bemessenen Urlaubszeit. So fahren viele von ihnen in Familie zu den zahlreichen, zauberhaften Plätzen, welche dieses Land zu bieten hat oder sie ziehen sich einfach zurück in ihr Privates, wo sie nicht eine gesellschaftlich vorgegebene, sondern ihre Wunschrolle einnehmen können.

Die japanische Mentalität ist im Gegensatz zu einer im Westen gerühmten Individualisierung recht gruppenbezogen, was im erdbebengeprüften Lande bei Katastrophen sich von Vorteil erweist, wenn nicht der Einzelne sein Heil in der Flucht alleine sucht. So liegt eine der wichtigsten Heldenmythen in der japanischen Geschichte/Kunst die Episode von 47 Ronin (Samurai ohne Herrscher) zugrunde, die gemeinsam die rituelle Selbsttötung (Seppuku) ihres Fürsten Naganori Asano aufgrund einer höfischen Intrige nach sorgfältiger Planung rächen und miteinander in den Tod gehen. Diese tatsächlichen Vorfälle spielten sich offenbar im 18. Jahrhundert am Hofe zu Edo ab, sie gehören zu den japanischen Nationalmythen, bei Führungen in Tokyo werden die Schauplätze jener Ereignisse im alten herrschaftlichen Burgbereich von Edo präsentiert und bis heute werden die Grabstellen jener Samurai am Tempel Sengaku-Ji besucht und geehrt.

Nicht nur in der Historie sind die Darstellungen verschiedener Figuren wichtig, auch im alltäglichen Leben wird hier viel Zeit und Energie aufgewendet, um seine Rolle richtig und gut aufzuführen. Aber ist dies nicht überall so? Im Westen wurde es durch Shakespeare sogar zum geflügelten Wort: „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ (Wie es euch gefällt) Nur die Ziselierung der einzelnen Aufführungen und Kostümierungen ist hierzulande von jener besonderen Ästhetik geprägt, für welche Japan Außenstehenden so einzigartig erscheint. Ansonsten aber sind japanische Rollenspiele nicht so unterschiedlich zu denen, welchen sich auch die Abendländischen unterwerfen; jeder übernimmt wohl in seinem Leben die unterschiedlichsten Rollen, in den verschiedensten Gewandungen, welche aus dem jeweiligen Umfeld ersichtlich und erwartet werden – ob als Geschäftsmann, Künstler, Priester, Soldat, ob begrenzter Traditionalist oder freier Geist. Dass die japanische Kultur ihre exquisit ästhetische Ausformung annahm, hat vielleicht mit der japanischen Inselmentalität, mit ihrem jahrhundertelangen Abschluss nach außen hin zu tun. Noch heute wollen die Japaner lieber unter sich bleiben und wer wollte ihnen das verdenken, nach ihren historischen Erfahrungen und den (selbst-)zerstörerischen Versuchen, den Pazifikraum und ganz Asien erobern und beherrschen zu wollen? Die restriktive Zuwanderungspolitik Japans mag in bestimmten politischen Kreisen des heutigen West-Europa als anachronistisch beargwöhnt werden, doch die dortigen Erfahrungen z.B. mit dem politischen Islam berichten nicht gerade von Erfolgen der praktizierten Immigration.

Wenn auch die japanische Gesellschaft sehr maskulin erscheint, so sind doch Frauen in Musik, Theater, Lyrik, in der Kunst allgemein sehr präsent. Eine der berühmtesten Schauspielerinnen der Edo-Periode war Izumo no Okuni (Onna Kabuki). Sie wird laut einiger Quellen auch als Erfinderin des Kabuki-Theaters gepriesen. Als Miko (Gotteskind, Schreinhelferin) in einem Shinto-Schrein von Kyoto führte sie rituelle Darbietungen und Tänze auf, schmückte diese besonders unterhaltsam aus und animierte laut Überlieferung auch eine Reihe von Geishas (traditionelle Unterhaltungsdamen für die Oberklasse) zur Teilnahme. Diese Form der Aufführung wurde als Frauen-Kabuki (s. Onna Kabuki) im 17. Jhd. verboten. Doch auch in der herrschaftlichen Welt waren einflussreiche Rollen für Frauen nicht unbekannt, wie von Nene berichtet wird, einer Frau Hideyoshi Toyotomis, einer von drei berühmten Reichseinigern des historischen Japan neben Tokugawa Ieyasu und Oda Nobunaga, der Nene eine bewundernde Passage in einem überlieferten Brief widmete.

Das Eintauchen in die sprachlichen Feinheiten japanischer Poesie und Prosa ist nicht nur einem Außenstehenden nur sehr schwierig möglich, auch die gebürtigen Japaner erbringen enorme Leistungen beim Erlernen hoher Stufen ihrer einzigartigen Sprache und selbst gebildete japanische Studenten können beim sprachlichen Eingangstest ihrer Universität scheitern, bei dem die Finessen der nationalen Sprache (Kokugo) geprüft werden. Altertümliche japanische Bühnensprache ist besonders schwer zugänglich – ein Phänomen, dass allerdings auch europäische Opernbesucher kennen, denn italienische Opernarien können wohl nur sehr wenige Italiener verstehen und welcher Bayreuther-Ring-Besucher vermag es, Wagnersche Texte wiederzugeben? Im traditionellen No-Theater werden ritualisierte Bewegungen, Gesang und Handlungen aufgeführt, die bei früheren vielstündigen Aufführungen bei Hofe von komödienhaften Einlagen (Kyoken) aufgelockert wurden. Wer sich mal eine künstlerische Abwechselung gönnt und einen Workshop am Nationalen No-Theater in Sendagaya/Tokyo besucht, kann die ritualisierten Anstrengungen der Schauspieler und den Zauber der japanischen Bühnenpräsenz gut nachvollziehen. Die Verwendung von Masken und Chor sind wie im klassischen griechischen Theater unabdingbar – tragen wir nicht alle im Alltag auch gewisse Masken? Und diese lassen sich in Japan vielleicht in einer außergewöhnlicheren Vielfalt, aber zumindest vergleichbar zu denen finden, die wir auch im Westen kennen.

Das o.e. Kabuki greift gern No-Themen auf, die von der Göttersphäre bis zu alltäglichen Dramen um die Liebe u.a. übergreifen, welche wiederum vom melodisch und rezitativ umrahmten Puppenspiel (im Westen als Bunraku bekannt; Kitano Takeshi zitiert dies in „Dolls“) variiert werden. Zu Japans brillantesten Poeten gehören historische Hofdamen wie Sei Shonagon (10. Jhd. – „Der geeignete Zeitpunkt für ein Konzert ist die Nacht, wenn man die Gesichter der Leute nicht sieht.“), Mönche und Staatsdiener bei Hofe wie Yoshida Kenko (13./14. Jhd. – „Nichts spendet größeren Trost, als alleine, still für sich, im Lampenschein vor einem Buch zu sitzen und auf diese Weise Freundschaft mit Menschen aus längst vergangenen Tagen zu schließen.“), aber auch moderne Dichter wie Ishikawa Takuboku (19./20. Jhd.), der folgende schöne Verse schrieb:

Liebe

Wie wenn in weichem,

hoch sich türmendem Schnee

die brennenden Wangen

tief man eingräbt:

so will ich spüren die Liebe.

 

Schließen möchte ich zu diesem Anlass mit einem eigenen Gedicht (veröffentl. in Sternschnuppen der Poesie 2008, Lyrikanthologie, Unser Forum Verlag, Witten).

 

Suchen und Finden

Ziehe von dannen,

leer sei dein Haus.

Segel davon, schau nicht hinaus.

Bei Tage sei achtsam,

die Spuren verwasche,

die Schiffe im Hafen verbrenne zu Asche.

Den Weg such bedachtsam,

kein Stern leuchte hell,

hungrig sei dein Genius, dein Geist schweige still.

Komm nirgendwohin, nichts weise den Ort;

such tief nun in dir und finde es dort.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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