Betrachtungen zur Unterhaus-Wahl in Japan 2017 (第48回衆議院議員総選挙, dai-48-kai Shūgiin giin sō-senkyo)

Während wir im strömenden Regen die Küstenstraße in Yugawara zum Wahllokal eilen, werden vor einem heraufziehenden Taifun die Fluttore zum Meere hin geschlossen. Ich werde zur Wahl als Fremder zwar lächelnd, aber nur im Vorzimmer geduldet. Die Wahlbeteiligung liegt noch ca. 5% geringer als bei der letzten Wahl, noch unter 30% in der ersten Meldung zur heutigen Wahlbeteiligung, was nur etwas über 50% insgesamt am Ende ergeben wird. Der erwartete Wahlausgang verspricht keinen Sturm loszutreten, denn was die Mehrheit der Japaner liebt, ist Gelassenheit im Angesicht einer seit Jahrzehnten ungewissen Zukunft und sie schließen sich gern der politischen Bewegung machtvoller Gruppen und ihrer Persönlichkeiten an. So wird von den meisten Wählern Shinzo Abes Jiyu Minshu To (Gruppe) bevorzugt gegenüber der nach Querelen und Spaltungen übriggebliebenen politischen Minshu To, die vor dem großen Tohoku-Beben von 2011 die mächtigste war. Kibo no To zum Beispiel, deren Protagonistin Yuriko Koike gern als Herausforderin Abes gehandelt wird, gilt vielen Japanern nicht als Alternative. Kleine Gruppen wie Midori no To (die sog. Grünen Japans), für die sich auch Koike einst engagierte, sind vergleichsweise winzig und spielen auf der Hauptinsel Honshu politisch überhaupt keine Rolle. Für die überwältigende Mehrheit der Japaner, in ihrer ästhetischen Lebensart zwischen vorbildlicher Mülltrennung und pfleglichem Umgang mit ihrer Umwelt, findet der Gedanke, sich diesen Umgang von einer spezialisierten Partei diktieren zu lassen, keinen Raum. Anders in Deutschland, wo die Grünen politisch inzwischen (im Jahre 2017) so mächtig sind, dass die Karrieristen und Pragmatiker ihrer Führerschaft selbst mit so unvereinbaren Antagonisten wie den freiheitlichen Liberalen und den Christsozialen in Sondierungsgesprächen zu einer gemeinsamen Regierung zusammensitzen. Liegt einem solch widersprüchlichen Verhalten der deutschen Parteien ein politischer Kleinmut zugrunde, der am Ende bewirkt, dass die Wähler kaum mehr zwischen Christ- und Sozialdemokraten, zwischen grünem Fundamentalismus und liberalem Pragmatismus zu unterscheiden wissen? Wie konnte es z.B. so weit kommen, dass eine japanische Naturkatastrophe, in deren Folge zwar mehrere Reaktorblöcke irreparabel demoliert wurden, aber keinerlei Strahlenopfer bis heute zu beklagen sind, in Deutschland politisch stärkere Folgen haben konnte als im betroffenen Lande selbst?

Die Abkehr von der Kernkraft ist für viele Japaner vor allem eine Kostenfrage seit den Vorfällen von Fukushima Dai’ichi, in deren Nachhall die Betreiber-Firma TEPCO quasi unter staatliche Kontrolle gestellt wurde. Die verlässliche und möglichst kostengünstige Bereitstellung von Strom ist in Japan weitaus wichtiger, als die Natur der Energieträger (https://japoneseliberty.com/2017/05/19/httpswww-eike-klima-energie-eu20170519wasserstandsmeldung-aus-japan/). Die Tatsache, dass die verlässliche und bezahlbare Bereitstellung elektrischer Energie eine wichtige Grundlage für den Fortschritt und den Wohlstand der Menschen bedeutet, wird aus jeder Statistik deutlich, welche den Aufschwung der Menschheit seit Beginn der Industrialisierung aufzeigt. In ihrer innovativen Exzellenz sind die Japaner nicht nur bei der Bereitstellung von sog. umweltfreundlichen Antrieben ganz weit vorne, sondern es gelang ihnen auch ein gewaltiger Sprung in der Effizienzsteigerung bei Kohlekraftwerken und der Weiterentwicklung alternativer Energieträger.

Das politische Verhältnis zu ihren asiatischen Nachbarn und ihren amerikanischen Verbündeten ist den Japanern allerdings weitaus wichtiger als das Verfolgen eines spekulativen Zieles wie den sog. „Klimaschutz“, bei dem besonders Deutschland Maß und Mitte verlor. Die Bewegung des Ökologismus, die in Deutschland durch ihren politischen Erfolg auch in der Ökonomie dominant wurde, ist in Japan so marginal, wie die Akzeptanz einer Hypothese von der katastrophalen menschengemachten Klimaerwärmung (AGW), welche von Vielen hier nur als ein Mittel angesehen wird, mehr Profite aus dem Geschäft mit der Energieerzeugung herauszuschlagen. Abes Energieplanung bis 2030 sieht eine erneute Steigerung des Anteils an Kernkraft auf wieder über 20% an der Energieerzeugung vor, wie es ungefähr auch in den frühen 2000ern vor dem Fukushima-Desaster schon der Fall war. Auch die sog. erneuerbaren Energien sollen ihre Rolle im Energiemix spielen, sind aber eher als kleiner Anteil zu betrachten, obschon durch hiesige geologische Bedingungen, ganz im Gegensatz zu Deutschland, Erdwärme und Wasserkraft große Reserven versprechen.

Ein Unterschied in der aktuellen Politik der einstigen Verbündeten liegt sicherlich in der so verschiedenen Lebensart und -umgebung und einer daraus resultierenden, andersartigen Lebensphilosophie. Obschon zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer vergleichbaren Selbstüberhebung gekennzeichnet – was sie bis 1945 zu Waffenbrüdern gegen die Alliierten und besonders gegen U.S.A. und Sowjetunion machte – schlugen beide Länder offenbar nach ihrem verheerenden Zusammenbruch 1945 einen sehr unterschiedlichen Weg ein. Deutschland, das seit über 100 Jahren auf seiner Suche nach einer nationalen Identität durch idealistische und materialistische Abgründe taumelte, zerstörte und verjagte seine großen Geister und sucht nun nach Erlösung, nach Auflösung in einer Völkerfamilie. Allerdings treibt es sein erworbener Mangel an philosophischer Kompetenz und sein nie erloschener Führungsanspruch in so skurrile Optionen wie den „Klimaschutz“. Japan dagegen öffnete sich zwar westlichen Moden und vielen Japanern sind Zeit und Geld das Wichtigste auf ihrer Suche nach Glück und Erfolg geworden. Waffentechnische Optionen werden aufgrund der Nordkorea-Krise und trotz der bislang seit 1945 zurückhaltenden Militärpolitik wieder in den noch vom Samurai-Geist beherrschten Führungskreisen diskutiert. Dazu allerdings wäre – eine von Abe selbst erwähnte Möglichkeit mit seinem Versprechen, Japan vor nordkoreanischer Aggression zu beschützen – die Änderung von Artikel 9 der japanischen Verfassung nötig, welcher die militärische Option bei außenpolitischen Auseinandersetzungen ausschließt. Japan kultivierte bislang vor allem sein Inseldasein und ist froh, wenn es zwischen schweren Naturkatastrophen und ökonomischen Verwerfungen zu einer finanziellen Erholung gelangt. Im Gegensatz zu den Deutschen, die ihre eigene Zukunft mit einer Kanzlerin herausfordern, die so waghalsige Aktionen wie die €-„Rettung“ (Schuldenvergemeinschaftung, Griechenland- u.a. „Hilfen“ bis zum Abwinken), „Energiewende“ (überflüssige, luxuriös aufgeblasene Stromwende) und die seit wenigstens 2015 ungeregelte jährliche Zuwanderung hundertausender unbekannter Jungmänner aus Afrika und Vorder-/Mittelasien im streit- und kampfeslustigen Alter zu verantworten hat, wollen die Japaner lieber unter sich bleiben und ihre wirklichen Probleme – keine spekulativen wie den „Klimaschutz“ – in eigener Regie lösen.

Die Zukunft beider Länder wird zeigen, welchem die Menschen mehr Nutzen abgewinnen können.

Nachtrag: Trotz aller Probleme, Widersprüche und Widerstände im Parlament und im Land ist Abes Administration entscheidend gestärkt worden. Wenn man sich hier mit verschiedenen Leuten unterhält, dann existiert ein wachsender Vertrauensschwund gegenüber den Politikern im Parlament ebenso wie in Deutschland.

https://www.japantimes.co.jp/opinion/2017/10/27/commentary/japan-commentary/winners-losers-election/#.Wm26PjfLjIU

https://www.bloomberg.com/japan-election-2017

election 2017, bloomberg.com

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