Shodo (書道 Japanische Kalligraphie)

Kann man einer für das deutsche Wesen so fremden Welt wie in Japan vielleicht durch die Kunst des Schreibens näherkommen? Zumindest indirekt, denn die Interaktion zwischen Sensei 先生 und Gakusei 学生/Lehrer und Schüler, verlangt ja ein Grund-Verständnis und Verstehen von beiden. Gesagt getan, denke ich also und melde mich zum Shodo (書道) an – besser gesagt zum Erlernen des Shodo, also zum Shuji 習字.

Nicht weit weg von unserem Wohnhaus entbietet 2, 3 mal im Monat eine recht alte Meisterin dieser Schreibkunst ihre Lektionen zu einem akzeptablen Preis. Der Weg führt mich entlang eines kleinen Flüsschens – gespeist von Tauwassern und Bergquellen, während der langen Geschichte der hiesigen Besiedelung eingefriedet und seiner natürlichen Klarheit und Grazie beraubt – das sich bald, in der Nähe unseres Hauses, ins Meer ergießt. Entenvögel und bemooste Karpfen dümpeln unten im Schlamme – keiner der Japaner käme auf die Idee, diese essen zu wollen, denn sie gelten, im Gegensatz zu den Meeresfischen, als schmutzige und ungenießbare Fische, die vermutlich einst von den Europäern eingeschleppt wurden.

Shodo bedeutet “ Weg des Schreibens“ und beinhaltet nicht nur das Erlernen japanischer Kalligraphie-Kunst (inklusive zusätzlicher Japanischkenntnisse für mich als Langnase 😉 ). Mach dir keine Illusionen, meint allerdings meine Frau, einstmals selbst eine versierte japanische Kunststudentin (eher musikalischer Richtung), diese Schreibkunst ist uns einstmals zusammen mit den Kanji-Zeichen von chinesischen und koreanischen Mönchen hierher überbracht worden, zu einer Zeit, als China als Mitte der Welt und wichtigste Macht galt. Es ist also nicht originär, allerdings haben wir Japaner im Laufe der Zeit darin eine so spezifische Kunstfertigkeit entwickelt, dass wir nun unser Shodo auch als japanisches Original betrachten. Es gibt in Japan inzwischen Shodo-Wettbewerbe (s.u.), Shodo-Gravuren in Holz und Stein auf Denkmälern oder an Geschäften, wie auch auf Planen ausgedruckte Shodo.

http://www.ritsumei.ac.jp/sports-culture/culture/topics/detail/?id=299

Tatsächlich kopieren die Japaner sehr gern bestimmte Stile in Kunst, Architektur, Mode etc. und formen diese mit ihrer besonderen Ästhetik zu etwas gänzlich Neuem um. Der Weg des Schreibens/Shodo unterliegt dabei einer ästhetischen Umwandlung von Gedankenenergie, die sich mit gezügelter Geschwindigkeit materialisiert. Nichts klingt einfacher und doch ist es enorm fordernd, denn es gilt die Einheit von Zeichen, Raum und Zeit. Das heißt, ein Schriftzeichen muss in einem definierten Rahmen und möglichst in einem Zuge geschrieben werden.

Womit beginnt die erste Lektion? Wie die Maler früher ihre Farben selbst herstellten, so tun dies noch heute die japanischen Schönschreiber mit ihrer Tinte. Eigentlich braucht es nur Papier, Tinte und einen Pinsel, doch sind alle diese Zutaten von besonderer Qualität, wenn es der Schreiber ernst meint – das Papier (Kami ) hat eine speziell raue und eine glatte Seite, der Pinsel (Fude 筆) ist von ausgewähltem Dachshaar und die Tinte wird aus einem besonderen, gepressten Stück Kohle hergestellt (Sumi 墨). Mit diesem Stück Kohle beginnt die erste Stunde, denn zuerst heißt es, Tinte herzustellen. Dazu gibt es als kleinen Arbeitsbehälter für Tinte und Pinsel einen viereckigen Behälter (Suzuri 硯) mit einer kleinen Vertiefung. Dahinein gibt man etwas Wasser und dann wird Sumi auf der nassen Oberfläche geduldig hin und her gerieben, bis aus Wasser und Kohle ausreichend schwarze Tinte bereitsteht (die vom Lehrer genutzte rötliche Tinte wird aus einem Pulver verrührt). Zu Anfang heißt es also vor allem geduldig reiben und reiben. Erst dann, nach 20 – 30 Minuten kommt der erste Strich. Man achte darauf, wie der Pinsel gehalten wird, denn es gibt tausenderlei Variationen und glauben Sie mir, in den Augen der Lehrer ist selten eine korrekt. Wenn man also etwas lernen kann in dieser ersten Stunde, so ist es vor allem, Tinte herzustellen und tausenderlei Arten, einen Pinsel falsch zu halten. Und so endet bald schon meine erste Lektion mit nur einem Strich und dem abschließenden Reinigen der Arbeitsmaterialien, einer gemeinsamen Tasse Tee, vielen Abschiedsfloskeln und Verbeugungen und dem festen Vorsatz, zeitraubender aber nötiger Übungen daheim. Denn wie so viele Dinge, deren man sich als Fremder in Japan annehmen möchte, erfordert auch dieses hier Geduld, Geduld und Geduld.

 

 

 

 

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