Bali – kandierter Mythos

“Insel der Götter”, wie es manche gerne von Bali behaupten und als Marketing von Tourismus-Werbung verbreitet wird? Lassen Sie sich nicht verwirren, dies Eiland, das an sich wenig Göttliches hat, sollte korrekt heißen Insel der vielen Götter, denn wie in Indien wird hier eine große Anzahl an Gottheiten verehrt. Man sieht eine Unmenge hinduistischer Altäre sowie Tempelbauten – der Hinduismus zeichnet sich aus durch seine an Millionen zählende Götterschar. Bali zeugt von kulturspezifischer Seltenheit, da das religiöse und politische Indonesien gegen Ende der Regierungszeit des autoritären Präsidenten Suharto ein erneutes Aufleben des Islam erlebte und, demografisch vielleicht bald überholt von Pakistan, unter den islamischen Ländern den weltweit höchsten Anteil an Muslimen hervorbringt. Auf dieser Insel aber blieb sein balinesischer Hinduismus dominant, obgleich natürlich auch Muslime hier leben. Die offizielle Devise auf indonesischem Wappen Bhinneka Tunggal Ika betont die Einigkeit in Vielfalt seiner multiethnischen Bevölkerung und zumindest auf Bali scheint dies gelungen – wenn man mal absieht von blutig bösen Flecken auf diesem Tuche der Harmonie wie dem bislang tödlichsten islamischen Terroranschlag auf Bali, der 2002 über 200 Menschenleben forderte. Im Übrigen zeugen einige gruselige Sagengestalten (eindrucksvoll zu betrachten im Ogoh-Ogoh Museum, Mengwi) und deren Geschichten von einer nicht unbedingt friedlichen Vergangenheit Balis schon vor Islamisierung und Kolonisierung.

Abgesehen von seinem Erdöl- und Erdgasreichtum und dem Profitieren am westlichen Plamölhunger, einhergehend mit der Zerstörung riesiger Regenwaldgebiete, ist Indonesien wenig herausragend im Vergleich zu anderen Ländern Südost-Asiens. Indonesische Küche ist außerhalb touristischer Hochburgen recht bescheiden, Lebenserwartung liegt bei knapp über 70 und der Korruptionsindex weist sie im globalen Vergleich als sehr anfällig aus – noch schlechter als seine Nachbarn Malaysia sowie Thailand und weit entfernt von westeuropäischen Standards (https://t1p.de/wf35d). Als zusätzliches Problem für Indonesiens Umwelt erweist sich, dass zum eigenen Plastikmüll, dessen Behandlung schon schwierig genug sein dürfte, immer noch illegale Importe hinzukommen (https://t1p.de/wcdtn). Der vom wohlhabenden Westen forcierte “Klimaschutz” wird von indonesischer Regierungsseite programmatisch bejaht und warum auch nicht? Es winken riesige Geldsummen aus diversen Fonds (https://t1p.de/8lrk6) und Klima sowie Kontrolleure sind bekanntlich geduldig. Davon abgesehen bietet zur Blüte ihrer Natur die Lage von über 17.000 Inseln um den Äquator herum einzigartig tropische Sommer sowie eine sehr lange Regenzeit, die sich fast das halbe Jahr hindurchzieht, somit hohe Fruchtbarkeit und enorme Artenvielfalt gewährt.

Bali präsentiert sich wie so viele Regionen Südostasiens: Bezaubernde Gefilde, doch herausfordernde Umwelt; verlotterte Infrastruktur und damit einhergehendes Verkehrschaos, viele vermüllte Ecken. Seine so sonnigen wie regnerischen Wetterumschwünge bringen nicht nur Unmengen an Mosquitos sondern auch extreme Luftfeuchtigkeit hervor, die Gebrauchsgegenstände schon nach kurzer Zeit so verrotten wie verrosten lässt, alle Bauten mit Schimmel sowie Moos überzieht und zusammen mit Vermüllung wie auch streunenden Hunden einige Orte gespenstisch heruntergekommen aussehen lässt. Freilich gibts ein paar gepflegte Museumsbauten, schöne Reisterrassen, Kaffee- und Teeplantagen, auch saubere Strandabschnitte (vor allem vor hochpreisigen Hotelanlagen), bezaubernde Wasserfälle, traumhafte Sonnenuntergangskulissen, Tauchen an Korallen unter Mantas, Schildkröten – doch ist man dort zumeist umringt von einer Schar von Urlaubern oder unter Begleitung einheimischer Führer, die dich tüchtig dafür schröpfen.

Wie eine groteske Szenerie erblickte ich am Kanto Lampo Wasserfall, zu dem man über zubetonierte Wege mit großen Parkplätzen für die Reisebusse vorbei an vielen Verkaufsständen nach Zahlung von Eintrittsgeld gelangt, Dutzende Leute (Typ: Instagram/Youtube) in geduldiger Schlange stundenlang auf ihr singuläres Fotoerlebnis warten – Bildunterschrift: “Bali, traumhaft; ich hier im Urwald allein unter diesem herrlichen Wasserfall.” Daneben aber waren wir zur Morgenstunde tatsächlich alleine bei kleineren und touristisch nicht so beworbenen Wasserfällen, die fotografisch mit ihren Ausmaßen nicht so viel hermachen, versteckt im Dschungel liegen und schwierig zu erreichen sind. Tatsächlich erfordert die Existenz auf solchen Tropeninseln ständigen Wettstreit sowie harte Arbeit gegen die Natur, die schnell alles überwuchert. Das sind Herausforderungen, die jüngere Generationen hochtechnologisierter Staaten in ihrer Praxisferne kaum mehr kennen – betuchte Besucher können ja in einem balinesischen Hotel mit funktionierender Klimaanlage absteigen, wo andere die Arbeit drum herum für sie erledigen und ein Reisebus mit abgedunkelten Scheiben draußen für sie bereitsteht.

Straßen, über die sich dieses Eiland erkunden lässt, sind üblicherweise ramponiert; unvermittelt klaffen teils riesige Löcher, in zeitlichen Abständen werden einfach neue Bitumenschichten drüber gegossen, sodass sich bald das Straßenniveau erhöht und die Ränder immer abschüssiger werden. Einheimische bewegen sich häufig motorisiert, wobei elektrisch betriebene Fahrzeuge so gut wie unsichtbar sind. Normal begehbare Bürgersteige finden sich selten und nach Einbruch der Dunkelheit sollte niemand, der Angst um das Heil seiner Knochen hat, mit Zweirad oder zu Fuß unterwegs sein. Kein Wunder, dass man außerhalb abgezäunter, gepflegter Anlagen keinen Rollstuhlfahrer oder sonstig Gehbehinderten trifft, dafür aber vor nahezu jedem Haus und überall auf den Straßen lästig kläffende Hunde. In touristischen Gegenden kommen noch die weltweit bekannten Quenglerfiguren ‘Straßenverkäufer, Taxifahrer, bettelnde Mutter mit Kleinkind‘ hinzu. Eine dürftige und zugemüllte Kanalisation kann häufig die jährlichen Regenmassen kaum ableiten und so watet man mancherorts nicht selten durch trübes Wasser, in welchem hier eine Ratte oder dort ein toter Hund dümpelt. Die Einheimischen wissen ganz gut mit Balis Widrigkeiten umzugehen, auf wenig anspruchsvollem Niveau zu leben und verbrennen ihren Müll eben hinterm Haus, wenn er zu viel wird. Vielleicht sagen sie sich ja: Leben hier ist teuer genug und wenn wir nun genauso sauber oder sicher wie beispielsweise Singapur oder Japan würden, dann wäre unsere Existenz unbezahlbar. Sehr viel Kosten treibendes wird zusätzlich importiert, um die Bedürfnisse meist westlicher Touristen zu befriedigen; der indonesische Staat schöpft seinen gehörigen Teil am Geschäft ab und verlangt auch eine saftige Visumsgebühr (500.000 IDR).

Mit Balinesen, die seit vielen Generationen ihre spezifische Kunst und Kultur pflegen, lässt sich im allgemeinen ganz gut auskommen. Vernachlässigt man, dass diese Insel kein Ort für anspruchsvolles Leben, mit strapaziösem Tropenklima ist und seine Naturhöhepunkte schnell besucht sind, so hat Bali durchaus etwas zu bieten für Leute die Geld, Zeit und Muße mitbringen. Wo aber rührt die überzogen erscheinende Schwärmerei im Westen her? Es gibt dort seit langem schon Faszination an weit entfernten exotischen Orten; einst Ägypten, Persien oder Indien, in Abenteuerromanen beschrieben, von imperialen Eroberern und ihren Wissenschaftlern erforscht, die mit Artefakten die Museen ihrer Heimat und die Sehnsucht der Menschen erfüllten. Bei den o.e. Instagrammern und Youtubern liegt die Motivation ihrer Werbung auf der Hand und die meisten ihrer Follower werden ohnehin niemals die schön in Szene gesetzten Orte aus eigener Anschauung beurteilen können. Indonesien liegt von Deutschland aus gesehen so weit weg am anderen Ende der Welt, dass sehr viele Leute nicht herkommen können, aber einige sich gern von Exotik-Kitsch à la The Blue Lagoon einlullen lassen.

Als Reisende trifft man hier Leute wie uns beispielsweise – Besucher des Ubud Yoga Centre, dessen beste Tage offensichtlich vorüber sind und dessen Yoga-Kurse inmitten des Ubud-Molochs so entspannend wirken wie Meditation in einer Berliner Kneipe zu nächtlicher Stunde. Daneben reisen zahlungskräftige Urlauber, tätowierte Althippies, Yogī und Surfer nach Indonesien, sowie “Klima- und Umweltschützer” wie der Schauspieler und Vielflieger Hannes Jaenicke, der offenbar seinen exzessiven Ölverbrauch damit kompensiert, Dokumentationen über die Zerstörung von Natur und Artenvielfalt zu drehen und vielleicht zu hoffen, dass aufgrund seiner Ermahnungen nicht so viele Billigflieger aus Europa, Amerika oder Australien hierherkommen. Dann und wann trifft man auch ein paar westlich-wohlhabende, beleibte Pensionäre, sich ihren Lebensabend gestaltend und kitschige Bilder von ihrem exotischen Paradies verbreitend – wie andere Expats in Thailand oder Vietnam meist an der Seite einer jungen, einheimischen Ehefrau. Was auf der einen Seite manche Geneigtheit und Sehnsucht erfüllen mag, auf der anderen Seite auch praktisch ist, da Ausländer keinen indonesischen Landbesitz erwerben können und in Puncto Behausung und Geschäftstätigkeit ohnehin von Einheimischen abhängig sind. Es verwundert nicht, wenn Urlauber oder Auswanderer und Pensionäre, die viel Geld auf dieser Insel versenken, sich in gewisser Schwärmerei ergehen, doch manchmal posten diese so schrille Klischees, als würde jemand das heutige Deutschland mit einer Collage aus Neuschwanstein- sowie Alpen-Fotos und Caspar David Friedrich Gemälden portraitieren. Nun, letztlich wird sich jeder Besucher sein eigenes Bild machen und so wird er schnell merken, dass arg versüßter Bali-Kitsch der realen Anschauung wenig standhält.

2 Kommentare zu „Bali – kandierter Mythos

  1. Danke für Ihr unverkitschtes Bild der Trauminsel Baliauf der Achse des Guten.
    Ich war 1992 dort und fand es schon damals streckenweise grenzwertig, vor allem im Vergleich zum ruhigeren Sumatra. Am schockierendsten Auswüchse wie der Wet T-Shirt Contest in einer von Australiern gekaperten Bar in Kuta.

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