Japan, Love-Hotel ラブホテル

(Boutique-, Fashion-Hotel – anything goes 😉 )

Diese besonderen Hotels tragen häufig Namen, die nicht nur in japanischen Ohren verführerisch klingen (Sirene, Lotus usw.), sie können auch für nur wenige Stunden gebucht werden und sind so platziert, gebaut und ausgestattet, damit genau das, was man unter diesem Namen verbindet, diskret eben dort geschehen kann.

Ganz diskret? Nun, eigentlich kennt hier in Japan jeder diese Hotels und auf ihren Portalen finden sich solche auch immer mit dem Hinweis: Nur für Erwachsene! Ganz so einfach sind Hintergrund und Erfolg dieser Hotels in Japan aber dann doch nicht zu verstehen – lassen Sie mich ein wenig ausholen und aus eigener Erfahrung schildern …

Das Phänomen menschlicher Liebe samt ihrer kulturellen Referenzen findet sich natürlich nicht nur in den ältesten Dichtungen in Vorderasien und anderen literarischen Zeugnisse der Hochkulturen, sondern im Prinzip überall, da es ein beschwingendes menschliches Bedürfnis ist und die Fantasie mehr als alles andere anregen kann. Einige Aspekte japanischer Kultur verweisen auf ihr Begehren nach einem schönen Lebensgefühl und ihre Suche nach Glück&Liebe. Die teils intimen Aufzeichnungen einer Hofdame (Das Kopfkissenbuch, Sei Shōnagon 清 少納言 https://t1p.de/ah2l) von vor über 1000 Jahren, aus dem Japan der Heian-Epoche 平安時代, geben bezaubernde, teils delikate Einblicke lange zurück und doch findet sich dort manch poetisch Ausgeschmücktes, was auch heute noch Liebe wie Muße hervorzubringen vermag. Mythos und Zauber ihres Wunsches nach Liebesglück entsprießen reizvolle Dinge, die dem abendländischen Geist aufregend fremd bis skurril erscheinen mögen.

Grundsätzlich lässt sich – anders, als in der christlich geprägten, westlichen Welt, wo in der Moderne seit langer Zeit recht offen die Vermarktung von Erotik und allem, was damit zusammenhängt, betrieben wird – sagen, dass in Japan generell versucht wird, solche Dinge aus der Öffentlichkeit zu verdrängen. Vielleicht deshalb, weil traditionell in Asien aus westlicher Betrachtungsweise insgesamt dem Individuum eher misstrauisch begegnet wird und auch die Privatheit häufig einem traditionell streng erscheinenden, gesellschaftlichen Rahmen folgt, wobei das Verhalten des Einzelnen immer zwischen freundlich-höflicher Akzeptanz bis hin zu starrsinnig-aggressivem Widerstand liegen kann.

In Bezug auf die hier behandelten Aspekte der Liebe ist die Großzügigkeit der Japaner vergleichsweise sehr hoch, doch Zärtlichkeiten werden nie in der Öffentlichkeit ausgetauscht und ein erotisches Beisammensein ist nur unter Verschluss üblich (mal abgesehen von jenem offenen Geheimnis, dass zwar selbst in jungen japanischen Ehe-Häusern recht schnell die erotische Unlust einsetzen soll, doch der Fantasie der Leute keine Grenzen gesetzt sind). Dank historisch-kulturell gewachsener Freizügigkeiten, die zwar verborgen aber intensiv ausgelebt werden, und moderner Kommunikations- und Medien-Technologien wissen allerdings in Japan alle Interessierten, was hier geboten wird und die Heranwachsenden sind in der Realität meist schon mit erotischem Verkehr vertraut, lange bevor sie mit 20 Jahren 成人の日 (seijin no hi) feiern, ihre ‚Coming of Age‘-Zeremonie zum Eintritt in die Welt der Erwachsenen (‚Age of Consent‘ ist in Japan übrigens 13!). Homo- und Transsexualität haben in Japan keine Verfolgung zu befürchten und werden speziell von einigen Künstlern recht offen gezeigt; das sind allerdings schillernde Ausnahmen, denn Sexualität insgesamt gilt in Japan strikt als Privatangelegenheit und kein Politiker hier würde – im Gegensatz zu so manchem Politiker im Westen – auf die Idee kommen, seine sexuelle Orientierung öffentlich zu thematisieren.

Zu früherer Gelegenheit schon berichtete ich in anderem Zusammenhang von der enormen Spannbreite japanischer Ästhetik in so manchen Dingen, die zwischen Liebe, lustvoller Fantasie und Erotik schweben können (https://t1p.de/caji) und hob diese besondere „Melange aus Liebreiz und Laszivität“ hervor, die bei den Frauen zu beobachten ist. Hinzu kommt hier noch die unvergleichliche Ausstrahlung mandeläugiger Attraktivität. Als faszinierend ist an dieser Stelle wieder herauszustreichen, was schon vor über hundert Jahren der Schriftsteller Bernhard Kellermann nach seiner Reise hierher andeutete (Ein Spaziergang in Japan https://t1p.de/dpzm) – die elegante Anmut der Japanerinnen, ihr diplomatisches Geschick und passende Ausgelassenheit in der richtigen Gesellschaft bleiben wie ihr Geschmack bis heute unübertroffen.

Anno dazumal schon waren auf dieser Insel die Ehebündnisse eher locker geknüpft und private Trennungen wie offizielle Scheidungen waren zahlreich. Im Unterschied zur westlichen Welt sanken zwar gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Scheidungsraten in Japan nach der Meiji-Reform (https://t1p.de/uim4) und doch ist es noch heute so, dass bis zu einem Viertel aller Ehen geschieden werden und junge Leute vermehrt auf eine Hochzeit sowie eigene Familiengründungen verzichten. 明治天皇 Meiji-Tennō, nach seiner Devise der aufgeklärten Zeit benannt, war selbst Sohn einer Konkubine 妾 (dieses Kanji zeigt bezeichnenderweise einen [wichtigen] Mann, der bildlich über einer Frau steht), einer von mehreren Liebesdamen, die den Herrschern neben ihrer Ehefrau zur kulturell-erotischen Unterhaltung zur Verfügung standen und deren Kinder aus dieser Verbindung immerhin offiziell auch als Kinder des Tennō anerkannt waren (und wie man am obigen Beispiel sehen kann, später auch selbst den Chrysanthementhron besteigen konnten). Diese Konkubinen waren wie in anderen Ländern eine traditionelle Gewohnheit von Herrschern, die für Japan erst der berühmte Shōwa-Tennō  昭和天皇 – im Westen als Hirohito bekannt – im 20. Jahrhundert ganz offiziell aufgab (wenngleich er selbst auch Affären mit Geliebten weiterhin gepflegt haben soll, da seine Frau … nun ja, der Rest ist Klatsch).

Außereheliche Liebesbeziehungen sind in Japan also von jeher nichts Ungewöhnliches, so wie auch das Phänomen käuflicher Erotik hier traditionell anders bewertet wurde und wird als im christlich geprägten Abendland, trotz aller missionarischen Bemühungen (Prostitution ist heutzutage gesetzlich strafbar seit einem von den Amerikanern forcierten Prostitution Prevention Law von 1956, an das sich allerdings nachweislich selbst deren hier stationierten Truppen nicht hielten). Wer mehr als Sympathie füreinander empfindet oder sexuelle Abwechslung beziehungsweise Abenteuer sucht, findet also hier wie dort Gelegenheit und Ort dazu. Und so etablierten sich in Japan auch diese besonderen Hotels, die gegenüber den Behörden speziellen Anforderungen genügen müssen, um ihre Lizenzen zu erhalten (z.B. haben Minderjährige dort keinen Zutritt, Schallschutz usw.).

Bei einer Reise in den Westen, in die Gegend von Kyoto, und an die japanische Westküste, über Matsumoto und die sogenannten japanischen Alpen, entschlossen wir uns, in solchen Hotels abzusteigen – und wir sind begeistert und können dies nur jedem empfehlen, der eine grandiose Rundum-Versorgung, mit allem, was Kopf-, Herz- und Bauchgefühl wünschen, genießen möchte. Früher generell, so wie auch heute noch in vielen dieser Etablissements, war alles sehr auf Diskretion zugeschnitten – diese Hotels finden sich gewöhnlich an stark frequentierten Straßen oder am Rande von Ortschaften; auf dem verborgenen Parkplatz gibt es noch mal extra große Plastikschilder zum Verdecken der Autonummern; man wählt entweder schon vorher online, per Telefon, oder in der Hotel-Lobby auf verborgen, diskret separierten Displays oder Anzeigen-Tableaus seine Zimmervorlieben in der Ausgestaltung (Farbe, Licht, Bettenform, Badausstattung; eventuell in ausgewählten Etablissements noch Spa, Sauna, private Onsen oder besondere Accessoires wie Masken, Uniformen etc. – wobei kleinere Hotels auch kleineres Budget und somit geringere Ausstattungsmöglichkeiten besitzen; kleinere oder größere Vitrinen mit zusätzlichen „Devotionalien“ finden sich auf Zimmern oder Fluren), gibt seine Kreditkartendetails ein und erhält dann durch eine kleine Öffnung oder hinter Vorhang, durch die Gast und Angestellter unerkannt bleiben, Zimmerschlüssel oder Zugangscode. Essen- und Getränkebestellungen werden durch eine diskrete Klappe neben der Zimmertür abgestellt. Heute allerdings ist es gerade in städtischen Gegenden mit vielen Einwohnern, in denen der Klatsch eine geringere Rolle als in den kleinen Orten spielt, viel entspannter und auch diese besonderen Hotels wechseln ihren Service und gestatten sich mehr Offenheit. Bei unseren Besuchen funktionierte alles hervorragend zu unserer Zufriedenheit, die Angestellten, mit denen wir Kontakt hatten, zeigten sich überaus entgegenkommend und boten uns das Paradebeispiel japanischer Gastfreundschaft. Denn auch diese Hotels stehen arg unter Konkurrenzdruck, sie wissen, dass viele Gäste oft nur für ein Schäferstündchen bleiben und hoffen doch, dass sich diese Zeit als möglichst angenehm im Gedächtnis verankert. Und da wir für mehrere Nächte buchten, genossen wir die volle Palette japanischer Gastlichkeit. Hinzu kam für uns noch, dass, während in immer mehr Hotels und Restaurants Rauchverbot herrscht, wir auf dem Zimmer unserem Tabakgenuss frönen konnten. Wenn man also die Aficionado-Komponenten ignoriert, dann ist es eigentlich nur in einem traditionellen Ryokan 旅館 noch angenehmer.

Im Gegensatz zu anderen Hotels waren Zimmer und Bad unglaublich geräumig und hervorragend ausgestattet – in jeder Hinsicht, wenn man bedenkt, dass neben einem grandiosen Bett viele Accessoires zu aktivem Spiel oder passivem Genuss zur Verfügung stehen: eine für japanische Verhältnisse riesige Wanne mit Whirlpool+Unterwasserbeleuchtung, auf der Bettkonsole liegen ein elektrisch betriebener Massagestab neben anderen kleinen Hilfsmittelchen und Bestellmenüs bereit, im T.V. laufen nicht nur die üblichen und ein paar internationale Sender, sondern auch freigeschaltete Programme voller Blue Movies – die sich der mit ausreichender Fantasie begabte nicht anzuschauen braucht, es sei denn aus kulturellem Interesse, z.B. aufgrund welch filmischer Qualitäten denn dieser schillernde Zweig der Unterhaltungskunst so einträglich ist (https://t1p.de/uaf4 … im Gegensatz zu Deutschland, wo im Rahmen einer beginnenden Softporno-Welle die Spielhandlung für die strengeren Sittenwächter der Zensur anfangs noch einem gewissen Rahmen zu folgen hatte, wie bei den Schulmädchenreporten oder der wohl reichhaltigsten Filmindustrie in Kalifornien, deren diesbezügliche Erzeugnisse von Softporno bis Sexploitation reichen, gab es beim größten Produzenten Japans, den Tokyoter Nikkatsu Studios, nur die Vorgabe von 70 Minuten Länge und in kürzeren Abständen eine Nackt-/Sexszene zu präsentieren) – ein Spielautomat, Karaoke-Equipment zum Singen, ein besonderer Massagesessel und mehr. Natürlich nutzt niemand all diese Dinge und doch wissen Gäste, die hierher kommen, dass dies ein prächtig ausgestatteter Ort woanders ist, ein Platz, wo sie ihrem Alltag entfliehen und sei es nur für Stunden; es ist eine Stätte der Zweisamkeit und des Genusses, die sie in ihrem Heim nicht finden. Und so ziehen diese Hotels nicht nur Genießer einer heimlichen Affäre oder auch anders Liebeshungrige an, sondern ebenso junge Paare, die keine eigene Wohnung haben (im japanischen Alltag ist es nicht so einfach, seine Lust auszuleben, wenn man dies nicht in den eigenen vier Wänden, bei geschlossenen Türen und Fenstern, tun kann) – oder einfach Leute wie uns, die auf der Durchreise eine schöne geräumige Unterkunft in mancher Hinsicht zu nutzen gedenken …   

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