Kulturell-philosophische Unterschiede

„Es gibt in Asien, was uns fehlt und was uns doch wesentlich angeht! Es treten dort Fragen an uns heran, die in unserer eigenen Tiefe ruhen. […] Asien ist unsere unerlässliche Ergänzung.“

Karl Jaspers

Dies wird keine umfassende Darlegung von Differenzen, dazu ist hier weder Zeit noch Raum, sondern eine aus persönlichen Erfahrungen gespeiste Abhandlung gewisser Unterschiede, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man als Deutscher Japan und seine Einwohner beurteilt. Der geneigte Leser, der es in manchen Aspekten besser weiß, möge mir meine Mängel nachsehen.
Asien ist vielen Leuten im Westen recht fremd und besonders das am östlichsten Rande dieses Kontinents geografisch und kulturell abgeschiedene Japan, das aus abendländischer Sichtweise in nahezu allen wichtigen Aspekten des Lebens immer anders war und ist, bleibt vielen rätselhaft. Tiefere Kenntnis hierein erlangen nur diejenigen, die über Jahre hier leben und in seine Kultur einzutauchen vermögen.
Mit dem Besuch der japanischen Iwakura-Delegation 1873 in Deutschland begann dank der Diplomatie Bismarcks eine Verbindung beider Länder, die darin gipfelte, dass japanisches Zivilrecht sich besonders eng an das Bürgerliche Gesetzbuch anlehnte. Deutsche Gelehrte, Ingenieure, Militärexperten, Ärzte, diverse Lehrer halfen seit der Meiji-Restauration tatkräftig mit, feudales Japan in die westliche Moderne des späten 19. Jahrhunderts zu katapultieren.
Reiches Land, starke Armee hieß ein früher Slogan der Meiji-Epoche und so galt der erste Besuch dieser Delegation den Krupp-Werken in Essen. Doch spielten bald japanische Generalität und große Teile ihres Militärs unrühmliche Rollen im Pazifikkrieg mit dem Anspruch, die Vorherrschaft über ganz Asien mit militärischer Gewalt zu erzwingen. Obschon doch Japan mit der Aussage angetreten war Asien den Asiaten und erfolgreich unter dem Zuspruch Thailands sowie einiger Kollaborateure oder Marionetten von Indien, China bis auf die Phillippinen begonnen hatte, die westlichen Kolonialmächte zu vertreiben. Bitte auch in Betracht zu ziehen, dass sich dieses Land gerade einmal zwei Generationen davor aus seiner abgeschirmten Feudalherrschaft der Edo-Periode befreite, die ihrerseits aus einer Zeit blutgetränkter Schlachten zersplitterter Reiche mit ihren Kriegsfürsten resultierte und diese Gewalt im Lande selbst eine eigene Philosophie der Krieger hervorbrachte (Bushidō 武士道). Für amerikanische Militärs war es im Pazifikkrieg so unverständlich, wie die Japaner vorgingen, dass die Regierung bei der berühmtesten Anthropologin ihrer Zeit eine spezielle Studie in Auftrag gab (Ruth Benedict The Chrysanthemum And The Sword).

Die japanischen Inseln erstrecken sich von den malayischen Subtropen bis in den sibirischen Norden über fast 3000 Kilometer; sie sogen über Jahrtausende zahlreiche Immigranten und mit ihnen äußerst facettenreiche, kulturelle Einflüsse auf bis in unsere Tage. Deutsche Kultur und Sprache sowie klassische Musik werden hierzulande hoch angesehen und die erste asiatische Uraufführung Beethovens 9. Symphony fand 1918 in Bando (heute Naruto) statt, aufgeführt von dort stationierten deutschen Kriegsgefangenen aus Tsingtau (Qingdao).
Japan liegt von Deutschland aus gesehen nicht nur an dem sehr weit entfernten und riesigen Pazifik, sondern bildete auch ganz eigene, so andersartige Lebenswelten heraus, die mental mit westlich-europäischen wenig zu tun haben. Fremdsprachen werden hier kaum genutzt; Japanisch ist isoliert (keine Verbindung zu anderen Sprachen), die Schüler benötigen viel Zeit und Energie zu seinem Studium, dessen korrekter Gebrauch eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg und Statussymbol ist. Anders als beispielsweise in deutschen Parlamenten finden sich Plappermäuler, geschweige Leute die mit ihrer Sexualität hausieren gehen, niemals in Führungspositionen, denn dies ist, wie ihre Religion, hier Privatangelegenheit. Dabei scheuen sich Japaner überhaupt nicht, die genussreichen Seiten des Lebens im Maße zu genießen, auch ihre Fetische privat auszuleben. Askese, Keuschheit sind niemals ihr Ding gewesen und Standesunterschiede sind hier im Gegensatz zu Deutschland viel weniger deutlich. Doch sind sie Meister darin, zum jeweiligen gesellschaftlichen Anlass die passende Maske zur Schau zu tragen – nichtjapanischen Besuchern wird es quasi unmöglich sein, ihre Persönlichkeit einzuschätzen.
Handlungen, Gesten, Begriffe bleiben für Fremde, selbst wenn sie über deren Hintergründe wissen, häufig rätselhaft. Auch wenn japanische Kultur immer wieder vom asiatischen Festland stark beeinflusst wurde, so gelang es doch, ihren ganz eigenen Charakter zu bewahren und fremde Einflüsse mit einzubauen, wobei sie offenbar eine besondere Ader für Synästhesie in ihrem Streben zu Harmonie und Schönheit entwickelten. Japanische Philosophie bezieht sich häufig auf ihre Bemühung um Vollendung sowie Bedachtsamkeit und Achtung von Vergänglichkeit. All dies entspringt einer einzigartigen Mischung verschiedenster Einflüsse wie den Buddhismus in seiner spezifisch japanischen Ausprägung als Zen und dem viel älteren Shintō, der einem pantheistischen Glauben japanischer Antike erwuchs. Religiöse Strömungen – und diese existieren hier zahlreich – mögen vielleicht für das sichtbare, öffentliche Leben keine große Rolle spielen, doch durchweht ihre Spiritualität viele Alltagsaspekte.
Ihre Nationalhymne Kimigayo (君が代), deren Text mehr als tausend Jahre zurückreiche, zählt zu den ganz großen mythischen Dichtungen und ich spüre, im Gegensatz zu den Versen deutscher Hymnen, in diesen Zeilen die historische Kraft einer Nation, die es gelernt hat, in sich zu ruhen …

Möge deine Herrschaft

tausend Generationen währen,

achttausend Generationen,

bis aus kleinen Kieselsteinen

Felsen werden,

die von Moos bedeckt sind.

Den Deutschen fehlt diese historische Reife und sie lassen sich offenbar recht schnell von Ideologen zu ihrem eigenen Schaden fanatisieren. Mit dem Niedergang christlicher Religion seit Aufklärung und den großen, zerstörerischen Kriegen erhalten pseudoreligiöse Erlösungsbewegungen wie Sozialismus oder Ökologismus immer stärkeren Zuspruch und sorgen dank ihrer machtvollen Adepten traurigerweise – in Deutschland lebte einst das Volk der Dichter, Denker und Erfinder – für den intellektuellen und ökonomischen Niedergang des Landes. Ironischerweise stimmen selbst oberste Kirchenvertreter ein in den Chor esoterischer Magier, die suggerieren Temperaturentwicklungen des Klimas seien global beeinflussbar mittels Regulierung anthropogener Emissionen.
Mit dem Aufkommen europäischer Aufklärung verfolgte deutsche Philosophie tiefgründige Konzepte zu Vernunft, Erkenntnis und den Hintergründen der Existenz, doch brachte auch amüsante Exoten hervor wie Schopenhauer oder Nietzsche, deren tiefgründige Bonmots bis heute auch viele Japaner begeistern. Jene zählen hierzulande neben Schelling und Heidegger zu den beliebtesten und am meisten rezipierten Philosophen des Westens. Heutigentags nun, da die Sonne der Kultur in Deutschland recht niedrig steht, politisieren deutsche Philosophen auch in Talkshows oder verfassen schwülstige Konvolute wie Sloterdijks Plurale Sphärologie, die ihr verstaubt-ignorantes Dasein als Pflichtexemplare in Bibliotheken fristen. Ein Zitat aus dem letzten Band Sloterdijks’ Trilogie Sphären mit dem Titel Schäume mag uns anzeigen, wie geschlagener Schaum zu Worten gerinnt: „Das Streben nach Erleuchtung bringt naturgemäß die völlige Verdunkelung.“ Sie gerieren sich auch gern als Erklär-Bären der Weltgeschichte im Nachklang zu Hegels Phänomenologie des Geistes, derweil sich Japan seit ca. 1500 Jahren im Streben nach Harmonie und Vollendung zu einer großen buddhistischen Nation entwickelte. Auffällig für Japaner im Lichte deutscher Hybris ist manches Auftreten von Besuchern, die mit besonderer Attitüde einherstolzieren, wofür sie die Bezeichnung gōman (傲慢, ごうまん), hochnäsig, benutzen. Gōmanism wurde hierzulande zu einer Bezeichnung für den Habitus solcher Leute, die je weniger sie auf die Reihe bekommen desto stolzer auftreten. Ein Phänomen, das mittlerweile in Deutschland bis ganz nach oben ins Bundeskanzler- und Bundespräsidialamt reicht, aber wie der aufmerksame Beobachter erkennen wird, ist auch hier der ‚Kaiser’ splitterfasernackt.


Eine gewaltige Zäsur japanischer Geschichte war nicht nur die (erzwungene) Öffnung des Landes durch Commodore Perry 1853, sondern mehr noch die vollständige Niederlage im Pazifikkrieg und die daraus resultierende erste Besetzung des Landes in der japanischen Geschichte durch eine ausländische Macht. Seither erscheint Japan eingebunden als wichtige asiatische Wirtschaftsmacht in den G7 nebst diversen Verknüpfungen zum Westen hin, doch wage ich zu bezweifeln, dass dies anhaltend für die Zukunft so bleiben wird.
Als philosophischen Repräsentanten Japans hebe ich am Schluss dieses Beitrages Kuki Shûzô (1888-1941) hervor, der wie ein Kulturforscher und Vermittler zwischen Japan und Westeuropa gelten kann und zu Anfang des 20. Jahrhunderts lange Zeit dort in prägender Gesellschaft verbrachte. An die 7 Jahre verbrachte Kuki in Europa (Heidelberg, Paris und andere Orte) und mit seinem familiären Hintergrund einer wohlhabenden Familie mit guter Bildung, genoss er nicht allein das Leben eines Dandy, sondern konnte auch gute Kontakte zu außergewöhnlichen Philosophen seiner Zeit knüpfen (Husserl, Bergson, Heidegger, Sartre) und dabei ihre Ansichten über Zeitlichkeit und weitere Begriffe studieren.
Es wurde ihm bewusst, wie wenig die Europäer japanische Kultur und Philosophie kennen und er legte dies dar in einer Abhandlung zu dem kaum übersetzbaren Begriff Iki. Sein Buch The Structure of Iki, Reflections on Japanese Taste (いきの構造, Iki no kōzo https://t1p.de/7yf3) beschreibt Entwicklungen im japanischen Denken und Leben, die in Edo gegen Ende des 17. Jahrhunderts begannen und besonders im Begriff Iki ihren Ausdruck fanden. In Übersetzungen wird Iki häufig umschrieben mit Exzellenz, Eleganz, Verfeinerung, Koketterie, Vitalität, Ritterlichkeit, Charme und anderem mehr. Kuki nun erklärt Iki „als bemerkenswerte Selbstdarstellung einer spezifisch östlich sich verstehenden Kulturströmung, die ihren Ursprung im Yamato-Mythos hat.“ (The Structure of Iki, Introduction p.33). Wie er vermerkt, gibt es auch in anderen Sprachen Begriffe mit einer besonderen Semantik, wie Esprit im Französischen oder Sehnsucht im Deutschen, die sich nicht so leicht in andere Sprachen übersetzen lassen. Gibt Kuki nun seinem westlichen Publikum eine Definition von Iki? Seine Bemerkungen darüber mögen rätselhaft bleiben: „Wenn wir eine Erklärung zum Wesen von Iki gegenüber einem Ausländer versuchen, der nichts von der japanischen Kultur weiß, dann drängen wir ihn durch eine konzeptionelle Analyse von Iki immer in eine bestimmte Haltung. Und er muss dann seinerseits die Gelegenheit ergreifen, das Wesen von Iki intuitiv einzuschätzen. […] Einfach gesagt, kann Iki begründet werden aus der Hermeneutik seines ethnischen Wesens. […] Könnten wir Iki als ein Bewusstseinsphänomen der westlichen Kultur beschreiben? Wenn man die Rahmenkonzeptionen dieser westlichen Kultur betrachtet, kann die Antwort darauf nur negativ sein.“ (The Structure of Iki, Conclusion p.114 et sqq.). Kukis „Reflections …“ bieten mit unvergleichlich intellektueller Analyseschärfe Einblicke in eine blühende Periode des alten Japan, in eine Sphäre, die zwar so wenig wieder erscheinen wird, wie die alte Welt Europas, die Zweig in seiner historischen Rückschau als Die Welt von Gestern beschrieb, aber deren Geist bis heute noch alles hier durchweht.

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