Sakura 桜

Was einem Gaijin (Jmd von Außen) in Japan zu jeder Saison zusätzlich die Sinne betört, ist naturästhetische Faszination und ich erlebe jährlich enorme Glücksgefühle von soviel Schönheit hier umgeben zu sein – einerseits, denn andererseits lauert auch immer eine Düsternis tödlicher Gefahren. Das große Kantō Beben von vor über 100 Jahren, das mehr als 100.000 Menschen das Leben kostete und unbeschreiblich viel Zerstörung über Tokyo, Yokohama und drei umliegende Präfekturen brachte, hatte sein Epizentrum unterhalb der Sagami-Bucht wo wir jetzt leben. Das gewaltige Tōhoku Beben vor 14 Jahren forderte um 20.000 Menschenleben, ein Vielfaches an Existenzen und unterzog den Reaktor von Fukushima Dai’ichi einer zerstörerischen Ernstfallprüfung, die glücklicherweise relativ glimpflich ausging – anders als anfangs durch Nuklearhysterie angeheizte Falschmeldungen in meiner alten Heimat verbreitet wurde (Roth, Trittin, ÖRR usw.).

Neben seiner mit Erdbeben gezeichneten Geologie aufgrund seiner exponierten Lage über Subduktionszonen verschiedenster Erdplatten kann die landschaftliche Natur Japans ebenfalls sehr problematisch sein, wie ich es in meiner Unerfahrenheit manchmal erdulde. Wir leben in bewaldeter Berggegend am Pazifik, auf ca. 180 Metern Höhenlage in der Gegend Izu-Yugawara Onsen; beliebt ist dieses Areal (Fuji-Izu-Hakone Nationalpark) nicht alleine durch die Präsenz des Fujisan, sondern neben seiner zauberhaften Landschaft auch für Früchtereichtum, exzellenten Fisch und hervorragende Heißwasserquellen (Onsen). Morgens erwachen wir mit Gezwitscher, hinterm Haus ein Bergbach, dem sich ein Bambus-Mischwald vor Felsen anschließt und wo neben Mosquitos noch viele andere Kreaturen ihr Auskommen suchen, auch so manches Pflanzengift lauert. Ich erinnere die schreckgeweiteten Augen meiner Mayu, als ich Ahnungsloser an einem Tage mit bloßen Händen unsere verwachsene, verwilderte Ölweide hinterm Haus beschnitt. “Ich vergaß wohl zu erwähnen, wie viel an Dschungel noch in unserer japanischen Wildnis steckt.” sagte sie mitfühlend, als sie mich abends mit unförmig angeschwollener Hand zum Arzt brachte.

Zu reichhaltiger Orangenernte streunen Makaken, Tanuki/Marderhunde sowie Wildschweine Sommers bis Herbst umher, Reptilien rascheln durchs Gehölz und oben auf den Bergkuppen hängen Bärenwarnungen aus. Die Schlangen dieser Gegend sind nicht giftgefährlich, doch auf Honshū lebende Bären mögen zwar – anders als die extrem gefährlichen Higuma-Grizzlies auf Hokkaido, die eine aufgerichtete Größe von weit über 2 Metern erreichen können – in der Regel Vegetarier sein und nur halb so groß wie die Bären der Nordinsel, töteten aber ebenso bereits verschiedene Menschen ihrer Gebiete nach Konfrontationen in der Wildnis.

Die Gefahren japanischer Natur können für Menschen so herausfordernd sein, wie ihre Schönheit atemberaubend. Nach diesjährig ungewöhnlich lang andauernder Kälte erblüht wie zu jedem Jahr die Natur ringsum mit einer Fruchtbarkeits- und Farbenexplosion, die in dieser Form an wenigen anderen Orten dieser Welt so erscheint, schon gar nicht in einem Land wie Deutschland, das dank “Grüner” Hysterie eine seiner Natur nicht gerade zuträgliche Umwelt- und Energiepolitik verfolgt.

Über Japan ziehen Jahr für Jahr zwei unbeschreiblich schön naturbelassene Farbfronten – von September bis November von Nord nach Süd Koyo (紅葉), die rötliche Herbstlaubfärbung, vergleichbar dem American Indian Summer (https://t1p.de/svnys), und zwischen März und Mai von Süd nach Nord Sakura (桜), die japanische Kirschblüte, unvergleichlich. So manche Knospe entfaltet sich auch früher – erste Blüten der Ryukyu Kanhi-Sakura finden sich schon Ende Januar auf dem mehr als 2000 Kilometer von hier südwestlich gelegenen Okinawa. In einigen Gegenden auf Honshū erblüht Kawazu-Sakura im Februar und Ume (梅 – gehört zu den Aprikosen, wird aber japanische Pflaume genannt; zählt also nicht zu Sakura) erblüht zwischen Februar und März; oben auf der kühlen, mehr als 1000 Kilometer von hier entfernten Nordinsel Hokkaido blüht Sakura spät und dann bis in den Mai hinein. Der alles weit überstrahlende Hauptteppich an Sakura-Blüten floriert also März bis April. Sakura-Bäume sind eher Zier- oder Blütengewächse, die zu Erheiterung und Genuss in freier Natur und vielen weiträumigen Parks einladen und einen erheblichen Anteil des gewaltigen Baumbestandes japanischer Natur ausmachen, je nach Schätzung vielleicht die Hälfte aller Laubbäume (https://t1p.de/a9dki), was überzogen sein mag, aber den farbfrohen Hintergrund für die weltweite Begeisterung japanischer Kirschblüte illustriert.

Heutzutage verbindet jeder Japan-Interessent etwas mit dem einzigartigen Zauber dieser Blütenzeit, deren Faszination seit Jahrhunderten auch in vielen Kunstsparten inspirierend wirkt. Dies entwickelte sich für eine etwas breitere Schicht unterhalb japanischer Aristokratie erst während des Tokugawa-Shogunats von 1603 an zu allgemeinem Freizeitvergnügen. Mit der Reichseinigung durch Tokugawa Ieyasu (Shogun 将軍) endeten die zerstörerischen Kriege zwischen den Daimyo (大名), den Feudalherren und Kriegsfürsten, eine lange Zeit des Friedens brach an und die Leute konnten sich um mehr als ihr tägliches Überleben kümmern und zusätzlichen Genuss darin einfließen lassen.

Die Freude über den Anblick verschieden bunter Blüten wird zwar schon in frühen Poems aus der Nara- und Heian-Periode  (710 – 1185) besungen, wurde aber als Vergnügen in den alten Zeiten – wie im chinesischen Reich, das dazumal kulturell diesen Erdkreis dominierte – nur von herrschaftlichen Familien und ihrem Anhang zelebriert. In der neuen Hauptstadt Edo und seinen Herrschaftsbereichen begannen Tokugawa und seine Fürsten mit der Bepflanzung weiter Alleen mit besonders schön blühenden Bäumen, um zu Sakura diesen prächtigen Anblick zu genießen. In Kyoto hatte laut Überlieferung Toyotomi Hideyoshi – neben Oda Nobunga und Tokugawa einer der drei berühmten Reichseiniger – im Jahre 1598 schon ein spektakuläres Hanami-Vergnügen für seine Feudalherren und ihrem Anhang ausgerichtet. Ueno, nicht weit von Edo und im heutigen Tokyo gelegen, wurde die bedeutende und bis heute populäre, mit Sakura-Bäumen bepflanzte Gegend, in welcher sich die Menschen zu Hanami (花見 – Blütenschau, wird ausschließlich für Sakura verwendet) versammeln. Diese Tradition wurde in moderner Zeit zu einem Vergnügen für alle Japaner und behauptet sich als ein kulturelles Ereignis, zu einem kalenderbestimmenden Zeitrahmen (https://t1p.de/952fw), in welchem  die weiß-rosa Blütenpracht seit vielen Generationen den Frühling einläutet, so wie der in bezaubernden Farben erscheinende Laubverfall den Herbst ankündigt – übrigens seit Jahrhunderten relativ regelmäßig, abseits der Global-Warming-Spekulationen.

Sakura ist im heutigen Japan – einem Land, das in vieler Hinsicht ein Paradies für Gäste ist, anders als meine deutsche Heimat, die eher einer Servicewüste ähnelt – von bunter Geschäftstüchtigkeit geprägt. Auf allen Sendern wird über die von Süd nach Nord ziehende Blütenfront berichtet, jedes Jahr erscheinen dazu Kalender und viele Geschäfte sowie Waren werden mit Sakura-Symbolik geschmückt. Die atemberaubende Schönheit der so zahlreich blühenden Bäume ist unvergleichlich bezaubernd und landesweit zu bestaunen. Hanami-Partys unter Blüten im Freien, gern auch geschmückt im leuchtenden Kimono, sind gesamtgesellschaftliche Ereignisse, welche den Japanern im Angesicht anspruchsvollen Lebens dessen Farbenfreuden und Fruchtbarkeitspotential vor Augen führen und feiern lassen. Gekennzeichnet sind sie zu diesen Tagen durch viele fröhliche Leute unter gigantischem Blütenmeer, Unterhaltung, Picknick und Alkoholika, da hiesige Einwohner mit knapp bemessener Freizeit gern das Schöne mit dem Angenehmen verbinden. Alles in Allem gelten Sakura und die sich anschließende Golden Week hierzulande als schönste und friedvollste Anlässe zur Mußestunde.

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