J.F. Kennedy: “Nothing compares to the simple pleasure of a bike ride.”
Radeln ist auf Honshū groß angesagt und es gibt eine ganze Reihe hervorragend ausgewiesener Radtouren bezaubernder Strecken. Japaner nutzen pragmatisch privat und berufsmäßig ihr recht kostspieliges, doch exzellent funktionierendes Verkehrsnetz an Bahnen, Bussen, Fähren, Flugzeugen sowie anderen Transportmobilen. E-Automobilität ist übrigens hierzulande marginal und vielleicht steht Toyota daher nach wie vor an der Spitze von Autoherstellern weltweit. Ich blieb bis heute frei davon, selbst einen Autoführerschein erlangen zu müssen und für einen Fahrradfahrer wie mich ist dieses Land hier in mancher Hinsicht faszinierend. Entlang fesselnder Strecken kann ich auf der einen Seite den Anblick des majestätischen Fujiyama wie zur anderen Seite pazifische Küstenlandschaften genießen. Sehr viele Einheimische fahren ihre vorwiegend japanischen und von ihnen als sehr zuverlässig ausgewiesenen Automobile, doch sind sie offenbar auch begeisterte Zweiradnutzer. Nicht nur, dass in unserer Umgebung rings um die Izu-Halbinsel als beliebtem Urlaubs- und Ausflugsort bei gutem Wetter viele Motorräder hoher Qualität durchknattern (unter anderem gilt Japan als Harley powerhouse, also einer der wichtigsten Absatzmärkte für Harley Davidson), sondern auch etliche Gruppen auf Rennrädern. Mehr als die Hälfte aller Japaner besitzt nach öffentlichen Angaben ein Fahrrad (zwischen 70-80 Mio), was dieses Land an die Weltspitze der Radnutzer bringt. Fahrradfahren (Cycling サイクリング) ist auf japanischen Inseln alltäglicher als in vielen anderen Ländern und zusätzlich für fitte Japaner – davon gibt es hier im Vergleich zu meiner früheren Heimat bis ins hohe Alter hin verhältnismäßig viele – ein sportliches Vergnügen. Japans Nordinsel Hokkaido ist eigentlich zum Fahrradfahren besser geeignet (wenn man mal zumindest in bewaldeten Berggegenden die äußerst gefährliche Bärenspezies Higuma außer Acht lässt, die schon etliche [Rad]Wanderer erlegte) denn dort bieten lange, breite Straßen über relativ flaches Land die Chance zu ausgedehnteren Touren. Doch nicht nur die sportliche Herausforderung zerklüfteter Berge, sondern wohl vor allem der Anblick des über mehrere Präfekturen hinaus sichtbaren Fujiyama, die zauberhafte Pazifikküste sowie weitere landschaftliche Faszination plus enormer Fülle an Gasthäusern laden hier auf Honshū besonders attraktiv zum Radeln ein.
Auf der Hut sollte man dabei sein, denn Landstraßen teilt man sich für gewöhnlich mit Transportern, vielen Autos und Motorcyclern. Japanische Fahrer sind je nach Tagesform und außerhalb der Stoßzeiten durchaus diszipliniert – vor allem beachten sie im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern Ampeln und eine gewisse Grundordnung. Ich ziehe hier zum asiatischen Vergleich auch den relativ geordneten Verkehr von Süd-Korea, Singapur, Taiwan heran, doch nenne als abschreckendes Beispiel ebenso das Straßenchaos von Sri Lanka, Vietnam, Indien, Indonesien u.a., wo das Prinzip eines Wettstreits zu gelten scheint, in welchem derjenige Schaden nimmt, der bremst. An Linksverkehr gewöhnt man sich zwar recht schnell, doch japanische Automobilisten scheinen nach meiner Erfahrung wenig Mitgefühl für Radler mitzubringen, da sie hin&wieder ihr heißes Blech an sengendem Ohr vorbeirauschen lassen. Ein wachsendes Problem bilden zudem auf allen Straßen hier sehr alte Autofahrer, die zwar noch von ihrer Fahrtüchtigkeit überzeugt sind, aber diese Illusion irgendwann zum Preis von viel demoliertem Blech oder Schlimmerem aufgeben müssen, da sie letztlich doch zu gefährlich für andere Verkehrsteilnehmer agieren – auch ich wurde auf meinem Rad schon Unfallopfer eines solchen Chauffeurs mit glücklicherweise nicht zu schweren Blessuren. Es gibt mittlerweilen immer mehr Spuren neben der Fahrbahn abgetrennt, da Zweiräder sichtlich häufig genutzt werden und zu jedem Haushalt eigentlich auch Fahrräder gehören.
Hohe Luftfeuchtigkeit und Regenzeiten fordern ihren Tribut und so befällt schon nach kurzer Zeit Rost die Gebrauchsräder, die außerhalb des Hauses geparkt sind. Hervorragender Technik aufgeschlossene und sportbegeisterte Japaner nutzen sehr hochwertige Touren- und Rennräder, die sie dementsprechend gut behandeln, pflegen und lagern. Entlang der Ortschaften und wichtiger Strecken wie Route No.1, der wichtigsten Verbindung seit Jahrhunderten zwischen den zwei großen Zentren des Landes, Edo/Tokyo und Kyoto/Osaka, werden gut ausgestattete Fahrradgeschäfte und -werkstätten unterhalten, dank derer reparaturbedürftigen Radlern hervorragend geholfen wird. Entgegen den gesetzlichen Bestimmungen sind Fahrradhelme nicht der große Renner und haben die Leute in den Ortschaften meist nichts dagegen, wenn geruhsame Radfahrer sich den Bürgersteig mit ihnen teilen – anders waren meine Erfahrungen in meiner früheren Heimat Berlin, wo ich selbst als entspannter Radler manchmal dem aggressivsten Zorn frustrierter Fußgänger ausgesetzt war (von manchem Autofahrer auf der Straße nicht zu reden). Für den Geschäftsbereich in Großstädten etablierte sich in Japan mancher Zustelldienst per Fahrrad (https://t1p.de/k3gq).
Auf japanischen Inseln sind die Leute also recht mobil, viele nutzen neben ihrem Auto den hervorragend ausgebauten und üblicherweise reibungslos funktionierenden Nahverkehr mit Zügen, denn die ausschließlich für den Autoverkehr zugelassenen Highways sind nicht nur teuer – hier in Japan funktioniert das Mautsystem anstandslos – sondern auch zu den Stoßzeiten am Morgen und abends von Staus bedroht, wenn viele Transporter und Pendler unterwegs sind, insbesondere an den freien Tagen zu Sakura, Golden Week, Obon und Silver Week. Das Fahrrad in Zügen mitzunehmen ist nur möglich, wenn es auseinandergenommen in einer entsprechend großen Tasche verstaut ist und der Zug nicht so voll ist, dass man andere Leute mit solch sperrigem Gepäck behelligt. Zwar finden sich in größeren Orten auch Leihräder, doch für längere Strecken sind diese, auch aufgrund ihrer standardisiert klobigen Bauweise, wenig geeignet. Es ist also auf Honshū eher so, dass die Radler mit dem Auto dahin fahren, wo sie weiterer Lust frönen können. Zahlreiche Gasthäuser mit allen möglichen Ablenkungen und Leckereien in schöner Vielfalt – die Japaner haben eine unvergleichlich facettenreiche Welt an kulinarischem und anderem Genuss entwickelt – bieten ausreichend Stellplätze, spezielle Rahmen zum Einhängen der Räder und in den Ortschaften gibts große Parkhäuser für Fahrräder entlang der Bahnstationen. In den Städten sollten die Fahrräder übrigens nicht wahllos irgendwo abgestellt werden, denn freie Plätze sind so rar wie teuer und wie für die Automobile (wer in Japan ein Auto anmeldet, muss gewöhnlich auch einen Parkplatz dafür ausweisen können) gibt es auch für Fahrräder extra Park- und Abstellplätze.
Trotz hoher Luftfeuchtigkeit machen also angenehmes Klima (außerhalb der Regen- und Taifunzeit), eine faszinierend schöne Natur sowie eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur das Fahrradfahren in Japan während warmer Jahreszeit zu einem sehr angenehmen Zeitvertreib und mit genügend Anstrengung bringt einen das Zweirad an schöne Ausflugsziele.



















