Japanische Thermalbäder

Natürliche Heißwasser-Quellen und vulkanische Badeanlagen sind zwar auch anderswo bekannt, in Europa vor allem seit der Frühzeit der römischen Republik, doch wenig an ihnen lässt sich mit japanischen Thermalbädern vergleichen, die es vor spezifisch geologischem Hintergrunde hier in erklecklicher Vielfalt gibt. Japanische Badekultur ist darüberhinaus ein Faszinosum ganz eigener Art – ein abendlich heißes Bad dient hierzulande zuvorderst nicht der physischen Säuberung (davor gibts immer eine Dusche), sondern vor allem spiritueller Reinigung und Entspannung. Somit ist auch in Privathäusern das Bad ein besonderer Bereich und üblicherweise getrennt vom Toilettenraum.

Den natürlichen Thermalquellen zugrundeliegende Geologie ist in Japan ein sehr spezielles Phänomen – diese Inselkette erstreckt sich über mehr als 3000 Km wie ein langgezogenes Semikolon vor dem asiatischen Festland. Zwischen japanischer See im Westen und Pazifik im Osten, Kamtschatka im Norden und Taiwan im Süden lässt sich dieses Land grob in 6 Klimaregionen aufteilen und zählt damit zu den klimatisch abwechslungsreichsten Ländern, von den Subtropen Okinawas bis zur Subarktis Hokkaidos. Unsere Hauptinsel Honshu, auf der die überwiegende Mehrheit aller Japaner lebt, weist eine schroffe, sehr bergige – ca. 70% Japans sind bewaldete Bergwelt (https://bit.ly/4oTU7UR) – und unvergleichlich abwechslungsreich schöne Landschaft auf. Japan liegt wie eine gigantische, von den Bewegungen der Erdkruste über Jahrmillionen zusammengepresste Felsenklippe vor dem asiatischen Kontinent. Dieses faszinierende Eiland befindet sich geologisch über den Rändern 4 größerer, aneinander sich reibender, gegeneinander sich verschiebender, tektonischer Platten (Eurasisch, Philippinisch, Pazifisch, Nordamerikanisch), mit vulkanischen Ausflüssen auf die Oberfläche, und sitzt sozusagen über einem brodelnden Herd von Magma-Schmelzen. Das hat nicht nur die gefährlichen Erdbeben zur Folge (auch unser Haus hier nördlich der Izu-Halbinsel und südlich des Fujiyama wird mehrmals im Jahr ordentlich durchgeruckelt), sondern auch beste Bedingungen für die Geothermie, für den Aufstieg erhitzten, mit Mineralien angereicherten Tiefenwassers an die Erdoberfläche, den Thermalquellen (japanisch Onsen 温泉), die dort, wo sie nach oben schießen, nicht nur den Menschen erfreuen, wie es z.B. die Makaken von Jigokudani bezeugen, wenn sie im Winter dort viele Stunden im heißen Wasser verbringen. Der Nutzen von Geothermie zur Energiegewinnung ist hierzulande gegenüber herkömmlicher Stromerzeugung aufgrund seiner technologischen Herausforderungen über einem instabilen Untergrund eher marginal und Japaner – die ja klug genug sind zu wissen, dass eine hochtechnologisierte, moderne Gesellschaft auf zuverlässige Stromversorgung angewiesen ist – vertrauen auf stabile Stromerzeugung vor allem aus Kohle, Öl und Kernkraft. Anders als der Rest der Welt ist Honshu dank jener speziellen Geologie übersät von einer Vielzahl solcher Thermalquellen. Yugawara beispielsweise, der Ort bei dem wir hier leben, trägt in seinem Namen ein Kanji für Onsen (Yu … 湯/ゆ) und bietet einige dieser Quellen vor Ort und in seiner Umgebung, sowie etliche Hotels und traditionelle Gasthäuser (Ryokan 旅館) mit direktem Onsen-Zugang. Onsen-Badehäuser bieten 3-5 und mehr unterschiedliche Becken plus Sauna an, auch einfache Business Hotels wie Route-Inn oder APA und Fährschiffe auf längeren Strecken bieten einen Onsen Service – in verminderter Größe und mit eingeschränkter Qualität zugegebenermaßen.

Aus der gewalttätigen Periode Sengoku (戦国時代, Sengoku jidai; nahezu ununterbrochene Kriegszeiten vor der Reichseinigung, 15./16. Jahrhundert) wird vom sagenumwobenen Daimyo (大名 Lehensfürst) Takeda Shingen und seinen versteckten Onsen berichtet. Er vertraute auf deren legendäre Heilkräfte und nutzte diese Thermalquellen seines Herrschaftsgebietes (heute Präfektur Yamanashi) zur Genesung nach der Schlacht und Entspannung vor der nächsten. Wer die Aufzeichnungen von Berufskriegern und berühmten Schwertkämpfern wie Miyamoto Musashi aus dieser Zeit zu Rate zieht, kann vielleicht nachvollziehen, wie mental und physisch brachial anstrengend die Vorbereitungen darauf zu töten und getötet zu werden in jener blutigen Periode Japans waren und wird den Wunsch nach Linderung sowie Erholung auch mithilfe der Onsen verstehen.

Die Tradition der japanischen Badekultur in den Onsen – nur wenig in deutschen Thermalbädern ist damit vergleichbar – blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück und erstreckt sich in seiner Beliebtheit auf alle Schichten der Bevölkerung. Es gilt in diesen beliebten und gut frequentierten Badehäusern die Geschlechtertrennung, was sicherlich gut ist, denn drinnen zeigen sich die Leute in ihrem entblößten Naturzustand. Japaner achten traditionell sehr auf Reinheit, sie treten offen und positiv an solchem Ort in ihrer Nacktheit und physischen Kondition auf, denn hier in diesen Bädern gibt es wenig zu verbergen. Die Besucher sollen sich, entkleidet aller äußeren Hüllen, ihrer reinen Entspannung und ihren Gedanken ungestört hingeben und wer könnte dies wohl, wenn Mann und Frau hier beieinander? Allerdings findet niemand etwas dagegen zu sagen, wenn Eltern ihre kleinen Kinder unbeachtet ihres Geschlechtes mitbringen. Dann und wann huscht auch schon mal eine Angestellte des Hauses mit gesenktem Blick an der nackten Männlichkeit vorbei, um Dinge zu ordnen, Shampoos auszutauschen, Wasserproben zu nehmen oder anderen Service. Natürlich werden diese Damen so ignoriert, wie beim Fussball die Schiedsrichter, die ja auch nicht am Spiel teilnehmen und keine dieser Frauen offenbart eine besondere Aufmerksamkeit in der vorbeieilenden Betrachtung maskulinen Gemächts.

Wer ein Ganzkörper-Peeling ordert, sollte sich nicht wundern, dass diese belebende Arbeit an Haut und Muskulatur am nackten Körper in japanischen Badehäusern professionell von einer Frau in sportlichem Dress mit kurzen Hosen ausgeführt wird (knappe Bekleidung deshalb, weil viel mit Wasser nachgespült und gereinigt wird). Es gibt gewöhnlich für den Kunden einen knappen Lendenschurz, doch jene Spezialistinnen wissen natürlich die empfindsamen Stellen am männlichen Leibe, welche das Licht des Tages gewöhnlich nicht zu sehen bekommen, dezent und gekonnt mit ihren geschickten Händen zu umschiffen. Sie bieten eine überaus wohltuende Behandlung, es gibt kaum mehr vitalisierendes als eine Peeling-Session mit anschließender Öl-Massage und man fühlt sich fast zurück in die Tage seiner Kindheit versetzt, wenn einen die Mutter oder Großmama im Badezuber wusch. In den öffentlichen Badehäusern, die ich sonst ringsum in den Ländern Asiens besuche, wird ein solcher Service ganz im Gegensatz zu Japan gewöhnlich von Männern erledigt. Die überaus anspruchsvollen japanischen Massagetechniken dagegen werden sowohl von speziell lizensierten Männern als auch Frauen angeboten.

Modische Körperver(un)zierungen beziehungsweise traditionelle Tattoos wie bei Yakuza üblich, sind in Japan in der Öffentlichkeit so gut wie nie sichtbar. Tätowierungen werden mit organisiertem Verbrechen in Verbindung gebracht, man findet sie außerhalb dessen zumeist nur bei Surfern. Sie sind daher in Japan seltener als die einst von Seeleuten, Strafgefangenen, Bandenmitgliedern oder „Künstlern“  in der westlichen Welt verbreitete Subkultur und werden in öffentlichen Bädern grundsätzlich nicht geduldet. Eine Bedrohung durch (halbstarke) Gewalttäter oder sexuelle Lüstlinge hat hier – anders als in Deutschland – in allen öffentlichen Badeanstalten niemand zu fürchten. Lautstarke Unterhaltungen gibt es in Badehäusern selten und Telefone, sowie Rauchen, Essen und Trinken sind im Badebereich der Onsen tabu. Shampoo, Lotions, Hair Tonics, After Shave – diverses Zubehör im Allgemeinen stehen mal mehr, mal weniger in recht guter Qualität zur Verfügung. Trinkwasserspender gibt es häufig auch, doch an besseren Getränken wie Sake und Bier, die in Japan sehr beliebt sind, ergötzt sich der Gast erst anschließend außerhalb des Badebereiches. In privaten Onsen, zu gehobenem Preise freilich, gelten natürlich besondere Regeln, da man dort auch als gemischtes Paar nach eigenem Bedürfnis ganz unter sich sein kann.

Sämtliche Bekleidung und das große Handtuch für danach bleiben in der Umkleide, doch lohnt es, ein Körbchen mit persönlichen, kosmetischen Utensilien dabei zu haben, wenn es zuerst zur überaus gründlichen Ganzkörperreinigung vor dem Eintritt zu Onsen-Becken, Sauna u.a. geht. Neben ihren Utensilien für dieses gründliche Waschritual vor dem Beginn des eigentlichen Badegenusses führen die Gäste gewöhnlich ein kleineres Tuch zum Abreiben während der Waschung, zum Abwischen für zwischendurch, z.B. in der Sauna, oder, wie es manche handhaben, zum Verdecken der Intimitäten mit sich. In alle Onsen-Becken hinein gehören ausschließlich die nackten, frischen Leiber ihrer Besucher. Nässende Wunden oder Menstruation sind hier also tabu; tunke auch mitgebrachte Tücher nie in eines der Becken – man achte einfach darauf, wie es die ansässigen Gäste handhaben. Ist man erst mal drinnen, wird es schwierig Fragen zu stellen, wenn man des Japanischen nur unzureichend oder gar nicht mächtig ist, denn in der westlichen Kultur bevorzugte Verständigungssprachen wie Englisch sind hier keinesfalls üblich. Außerhalb der Metropolen und einzelner Städte, in denen verhältnismäßig viele Ausländer leben, ist man in einem Onsen nach meiner Erfahrung häufig der einzig Fremde unter Japanern. Die (Kanji-) Zeichen an den Eingängen sollten nicht verwechselt werden, will man nicht eine peinliche Begegnung herbeiführen (男 Mann und Frau 女).

Qualität, Größe und Anzahl der einzelnen Badegelegenheiten können von Ort zu Ort sehr verschieden sein. Die Haut des Gastes sollte auch besser unbeschädigt sein, denn schon bei einem Sonnenbrand macht sich das heiße Mineralienwasser aus dem Erdinnern an entzündeter Haut schmerzhaft bemerkbar. Der Mineralgehalt schwankt in den einzelnen Gegenden sowie Bädern und gilt als besonderes Labsal, weshalb sich die Leute nach vielfältigem Badegenuss am Ende vor dem Wiederankleiden nur leicht mit dem Handtuch abtrocknen. Es heißt, die Mineralien dringen in die Haut ein und verleihen ihr eine besondere Geschmeidigkeit – ob dies nur ein Mythos ist, vergleichbar denen über Mineralien vom Himalaya oder dem Toten Meer möge nachprüfen, wer sich dafür interessiert. Die sichtbar schöne Haut japanischer Frauen und das frische, gesunde Erscheinungsbild regelmäßiger Onsen-Besucher sind zumindest augenfällig.

In gewaltigen Zubern und verschiedensten Becken (Karbon, Schwefel, Elektro, Jet, Jacuzzi u.a. je nach Ausstattung) gilt es, sich den unterschiedlichen Hitzegraden hinzugeben. Von kalten Becken ca. 10-15°C für die Erfrischung und Abkühlung vor und nach dem Saunagang, geht es bis 44/45°C oder auch mal, wie der Autor aus eigener Erfahrung erinnert, in manchen Onsen bis auf 47°C – eine gefühlsmäßig siedende Hitze, der man mindestens mit stark geröteter Haut entsteigt. Nach dieser Prüfung kann ich einen Mythos nachvollziehen, nach welchem uralte Japaner aus den Bergen nahezu kochendes Wasser trinken können. Wer Onsen-Tamago – Eier, die in 60-70°C heißem Mineralienwasser garen – in Japan probiert, kann die mineralische Würze beim Genuss solcherart zubereiteter Eier direkt schmecken.

Ein ganz besonderer optischer Genuss in verschiedenen Präfekturen (Chiba, Tokyo, Kanagawa, Shizuoka oder Yamanashi) ist bei Wolkenlosigkeit der Ausblick auf den weithin thronenden Kegel des Fuji (https://t1p.de/zil5), wenn man sich’s im Außenbereich in einem der Becken mit freier Sichtachse gemütlich macht – die Temperaturen entlang der Pazifikküste unterhalb Yokohamas fallen nur selten und kurzzeitig in winterliche Bereiche und auch von Dezember bis Februar sind die Außenbecken wie die Saunen am meisten beliebt. Es erweckt in der Tat ein berauschend amphibisches Gefühl, umgeben von heiß sprudelnden Wassern in Hülle und Fülle in einem dampfenden Bottich zu sitzen oder ausgestreckt dösend in einem felsigen Bassin auf Wolken, Berge oder das Meer zu schauen.

Manchmal warten verschiedene Saunen mit den unterschiedlichsten Hitzegraden, in denen man viel schweißtreibende Zeit verbringen kann. Große Badehäuser, die nicht selten rund um die Uhr geöffnet sind, bieten zusätzlich Gelegenheiten zur weiteren Entspannung (Barbier, Massagen etc., inklusive Handtüchern und einem leichten Freizeitdress), sowie sehr bequeme Ruheräume oder auch eine angenehme Steinsauna, mit abschließendem kulinarischen Vergnügen in den verschiedensten Restaurants und so verfliegen schön angenehme Stunden zur erfrischenden Verjüngung.

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