Yoga in Japan (ヨガ)

„Am besten versteht es der Yogī oder Sannyāsī, welcher methodisch sich zurechtsetzend, alle seine Sinne in sich zurückzieht, die ganze Welt vergisst und sich selbst dazu – was alsdann noch in seinem Bewusstsein übrig bleibt, ist das Urwesen.“

Schopenhauer

Gott Krishna bezeichnet in der Bhagavadgītā (Gotteslied; altindischer Textkorpus) einen Kapila als denjenigen unter den vollkommenen Wesen (10.26), welcher Weisheit als höchstes Ziel anstrebe und indische Yogī erkennen Kapila als einen der Urväter der Yogalehre an. In jenem indischen Gedicht über Götter und Menschen bezeichnet das Wort Yoga/योग, das sich aus alten Bezeichnungen für anjochen, verknüpfen herleitet, eine Tätigkeit ohne bestimmtes Ergebnis (2.39). Krishna belehrt in diesem Abschnitt den kriegstüchtigen Arjuna über die Beherrschung der Sinne und die spirituelle Verbindung zum Göttlichen,

Das in der Neuzeit praktizierte Yoga betont mit bewusster Atmung begleitete Übungen von geistiger bis zu körperlicher Konzentration zwischen Gymnastikdiktat und Geistesfreiheit mit dem Ziel mentaler Ausgeglichenheit. In Deutschland findet dies nicht nur Anklang bei Sportbegeisterten, sondern aufgrund seiner indischen Herkunft und esoterischen Vermarktung auch bei einer Vielzahl von spirituell veranlagten Leuten, die sagenhafter Mystik anhängen und die Indien vielleicht nicht wirklich kennen, dennoch aber anschwärmen. Im heutigen Japan, wo die Leute selbst in Religion mit ihren spirituellen Aspekten pragmatisch erscheinen, wird nach meiner Erfahrung der sportliche Nutzen vor der mentalen Entspannung favorisiert, der sie hierzulande dank Zen buddhistisch geschulter Gelassenheit ohnehin recht nahe sind. Japaner pflegen zwar kulturell eigenwillige Glaubensvorstellungen, deren Wurzeln bis in animistische Religiosität uralter Zeiten zurückreichen (https://t1p.de/sm5z0), doch sind sie weniger leichtgläubig als ich es bei vielen Deutschen erlebe, die in ihrem Lande bisweilen pseudoreligiösen Ideologien verfallen (z.B. Sozialismus, Ökologismus).

Erste Kontakte zwischen Indien und Japan, vermittelt über buddhistische Mönche und Gelehrte, reichen zurück in eine Zeit, in der in Europa noch düsteres Mittelalter herrschte (8. Jahrhundert). Von im Abendland beliebt gewordener Exotik aus Asien hat sich Yoga – besonders seit der Hippie-Bewegung und dem Indienausflug der Beatles mit der bald im Westen prosperierenden Bewegung Transzendentale Meditation (TM) – wohl am umfangreichsten ausgebreitet. Damit verbundene indische Weisheitslehre fand nicht nur in ihrer Kolonialmacht Großbritannien, sondern auch bei deutschen Intellektuellen lange vorher schon eine Anhängerschaft, wie man beispielsweise bei Herder, Schlegel oder Schelling nachlesen kann. Schopenhauer, der so begeistert wie diese vedische Schriften und speziell die Upanishaden studierte, der den Begriff Yoga in Deutschland bekannt gemacht hatte, verknüpfte Metaphysisches von Indien herkommend über die ägyptischen Priester bis nach Israel, sodass letztlich im christlichen Glauben eine Mischung aus indischer Weisheit und jüdischem Theismus erkennbar sei (Schopenhauer, 1908, Gesammelte Werke Bd. 6 Kap. XV Über Religion; Kap. XVI Einiges zur Sanskritliteratur). Finstere Faszination Indiens findet sich auch in dunklen Jahren Deutschlands, in denen Alfred Rosenberg in seinem „Mythus …“ über nichtjüdische Herkunft Jesu spekuliert (B1, Das zwiespältige Wesen des Christentums) und auf der Wartburg in lutherischer Tradition (Von den Juden und ihren Lügen) ein sog. Entjudungsinstitut der protestantischen Deutschen Christen 1939 gegründet wird, das zur Verknüpfung Arier-Indien-Jesus „forschte“. Es geht soweit, dass Mystiker wie Himmler sich für Yoga zu interessieren beginnen und gar Hitler im Völkischen Beobachter als Yogī bezeichnet wird (Mathias Tietke, Yogi Hitler).

Mit historischen Überlegungen freilich gibt sich der moderne Yogī kaum ab, wenn er sich, umgeben von Weihrauchdüften und Sitar-Klängen, in gymnastischen Positionen oder Meditation versucht. Gerade in einem Land wie Deutschland, das durch viele Glaubenskämpfe, Kriegskatastrophen und Epidemien bis in die Neuzeit seiner christlichen Spiritualität verlustig ging und im Nachklang spätromantischer Mystik in der Mitte Europas verzweifelt um seine Identität ringt, entfernen sich viele Menschen von der Realität (bes. „Grüne“) und sind diversen esoterischen Lehren empfänglich. Wenn sie diese im Geiste mit ihren Vorstellungen über Yoga verknüpfen, werden sie auch anfällig für allerlei Nonsense, der ihnen weisgemacht wird. Während Japaner ihr Yoga gewöhnlich unauffällig, sportlich konzentriert betreiben, erinnere ich von meinen zahlreichen Besuchen in Yoga-Studios von Berlin bis Bali unter deutschen Yogī so manch verpeilten Gesellen, der Expressionen (Tattoos, Dreadlocks, Hanf-Düfte o.a.) seiner Haltung „Ich bin anders!“ zur Schau trägt.

Der für groteske Flunkerei (My first student in America is Elvis Presley, my second is President Nixon, then my next is George Harrison, Shirley McLaine, Barbra Streisand, Frank Sinatra, Quincy Jones … (my) Greencard was a gift from Nixon), aber auch fatalen Hang zu sportlichen Mädels und andere Auffälligkeiten berüchtigt gewordene Bikram Choudry entwickelte traditionelle Posituren seines Guru Bishnu Charan Ghosh in Indien zum Bikram-Yoga weiter. Er vermarktete Yoga im Westen am erfolgreichsten, hat aber ein gewisses Faible für Japan, das er seit 1970 besucht, wo er seine erste Hot-Yoga-Schule außerhalb Indiens eröffnete und trug bei seinen amerikanischen TV-Auftritten hin und wieder das traditionelle japanische Yukata-Gewand.

Choudry erwähnt gern, dass wahre Yogī kaum essen oder schlafen müssen, dass sie niemals krank werden und nicht altern. „It’s all mind over matter.“ sagt er – oder meint er money over mind? Immerhin zahlten seine Schüler und Kunden mehr als 10.000$ für einen zertifizierten Trainingskurs bei ihm und er wurde in Kalifornien damit reich, bevor er gerichtlich verfolgt fluchtartig das Land verließ (siehe hierzu die Netflix-Dokumentation Bikram: Yogi, Guru, Predator). In der Realität existieren freilich keine übernatürlich langlebigen Yogī, schon gar nicht in Indien, und wenn ein Yoga-Kurs wegen Erkrankung des Lehrers ausfällt, wie wir es in Europa manchmal erleben, dann spricht auch das nicht gerade für ihre herausragende Konstitution. 

Aber hat denn noch niemand von heiligen Sādhu/साधु gehört, die tagelang in Yogaposition verharren ohne nach etwas zu verlangen, die sich rein vom Lichte der Sonne nähren lassen, oder von Yogī, die in der Luft schweben, wie es der Begründer der TM-Bewegung, Maharishi Mahesh Yogi behauptete (der allerdings selbst zum Schweben private Helikopter bevorzugte)? Zumindest aber sei Yoga doch gut dafür, Stress abzubauen – oder nicht? Spätestens seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts stellen nun verschiedene Untersuchungen klar, dass kein Yogī oder Inder außerhalb physikalischer Gesetze agiert, dass Lichtnahrung nur zum Hungertode führt, dass es zur sogenannten Tiefenentspannung keiner Esoterik bedarf und die Hirnströme von Personen, die sich einer Om/ॐ-Kontemplation oder einem schlichten Schläfchen hingeben, keinen wesentlichen Unterschied aufzeigen (bspw.: https://t1p.de/iljcdhttps://t1p.de/vhbcw). Offenbar gibt es also keine psychophysiologische Besonderheit durch Yoga, sondern die Erkenntnis, dass gute Konzentrations- und Gymnastikübungen Geist und Körper gleichwertig erfrischen können wie ein Yoga-Kurs.

Nun lassen sich aber mithilfe einer Modebewegung profitable Geschäfte machen, wie Bikram es mit luxuriösen Karossen in Beverly Hills prominent vorführte (vgl. hier “Klimaschützer” wie den ehemaligen „Solarkönig” und „Grünen“ Frank Asbeck, der ebenfalls Luxus-Verbrenner liebt). Yoga-Kurse werden in asiatischen Urlaubsorten von Israel bis Indonesien häufig direkt zugeschnitten auf die Bedürfnisse von betuchten Westlern, die ausreichend sportlich sind. Zumeist wissen diese Leute, was auf sie zukommt, wenn sie ein solches Studio besuchen, denn sie kennen die Abläufe aus Erfahrung beziehungsweise von YouTube und gehören sozusagen zur großen Yoga-Gemeinde, die man mit elitärer Gymnastik und Wissensfragmenten von indischer Mythologie bis japanischem Zen begeistern kann. In vielen westlichen Ländern und speziell in Deutschland steigen seit dem Verfall von Christentum, Bildung und dem politischen Aufstieg diverser Pseudoreligionen von National-Sozialismus bis Öko-Sozialismus die Chancen für Scharlatane, esoterischen Klimbim zu verkaufen (vgl. dazu Zinser Der Markt der Religionen). Dekadenter Übersättigung überdrüssig sich gebende Westler, Yoga- und Ayurveda-Fans sind nun die bevorzugte Zielgruppe indisch angehauchter Lifestyle-Esoterik.

Für Japaner steht in Yoga-Praxis tatsächlich schweißtreibende Leistung im Vordergrunde, denn sie sind misstrauisch beim Geldausgeben, aber sie zahlen gerne gut, wenn sie dafür entsprechende Leistungen erhalten. Sie besitzen exzellentes Gespür für körperliches Wohlergehen und dank sportlicher Aktivität sowie ausgewogener Ernährung ist eine in westlichen Ländern wie Deutschland grassierende Fettleibigkeit in Japan kein großes Problem. Japanische Yogalehrer sind nicht zimperlich, sie fordern wie fördern nachdrücklich gute Performance sowie Leistung ihrer Kursteilnehmer und lassen sich selten etwas vormachen. So üben also einige ihrer begabten Yogī, die so manchen Kursanbieter in den Urlaubsorten belehren könnten, einfach außerhalb für sich ihre Stellungen an den Stränden Asiens.

Unser Yoga-Programm enthält Elemente aus Ashtanga, Bikram und Hatha bis hin zu Gymnastik und trainiert vor allem Flexibilität und Muskelapparat mit Unterstützung durch Atemübungen. Die Stunden, die wir hier in Yugawara Town Healthy Plaza am Pazifik im Rahmen unserer kleinen Firma (MitteJapan) anbieten, sind eher ein gesellschaftsförderndes Hobby und dienen der Freundschaftsverknüpfung sowie engeren Verbindung zur lokalen Gemeinschaft. Es ist nicht so, dass ich hier bekannt wie ein bunter Hund bin, aber so viele Europäer gibt’s in dieser Umgebung nicht und ich achte darauf, in unserer Nachbarschaft meinen guten Ruf zu erhalten. Bei all ihrem Misstrauen gegenüber Fremden sind Japaner auch neugierig auf uns Gaijin/外人 (jmd von außen), die sich in ihrem Lande niederlassen und schauen – anders als die Deutschen es mit ihrer desaströsen Asyl- und Einwanderungspolitik demonstrieren – darauf, dass möglichst nicht Plünderer, Psychopathen oder sonstige Gewalttäter in ihr Land kommen. Dann oder wann hab ich besondere Begegnungen, die wiederum zu neuen Bekanntschaften führen und so geschah es vor einiger Zeit, dass eine Reporterin der wichtigsten Lokalzeitung unserer Stadt (熱海 新聞, Atami Newspaper) zu einem Interview in ihre Redaktion einlud, uns zu einem Fototermin im Yoga-Studio besuchte und einen Artikel auf ihrer ersten Seite veröffentlichte.

Wer nun auf Sinnsuche ist, wer im Asienurlaub Yoga betreibt, um Heil oder gar Erleuchtung anzustreben, dann aber wieder in seine Hülle davor, in ein stressiges Leben zurückkehrt, der sollte besser ein gutes Buch lesen. Denjenigen, die sich zwar gymnastisch fit halten, doch der Yoga-Philosophie eher skeptisch gegenüberstehen und das Leben mit Humor zu nehmen verstehen, sind die obigen Erwägungen gewidmet. Und für diejenigen, welche das Leben ohnehin nicht allzu ernst nehmen (ohne Nihilisten zu sein), für die sind die Worte Anthony Hopkins‘ genau richtig:

None of us are getting out of here alive, so please stop treating yourself like an afterthought. Eat the delicious food. Walk in the sunshine. Jump in the ocean. Say the truth that you’re carrying in your heart like hidden treasure. Be silly. Be kind. Be weird. There’s no time for anything else.






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