Ein Samurai muss, ob groß oder klein, angesehen oder unbedeutend, vor allem anderen bedenken, wie er dem Tod begegnen soll.
Daidōji Yūzan
“Kriegstüchtigkeit” (Pistorius) war in Japan bis 1945 seit unzähligen Generationen grundsätzlich gegeben, denn kriegerische Gewalt war über Jahrhunderte prägende Begleitung japanischer Existenz. Die Seele eines Kriegers fällt dem aufmerksamen Beobachter bei so manchem japanischen Manager auch heute noch auf, doch der Samurai-Zopf wich modern gegeltem Haar und Katana (traditionelles Samurai-Schwert), wird durch Aktentaschen und zugespitzte Formulierungen symbolisiert.
Verklärende Vorstellungen von blitzenden Schwertern, reitenden Helden in glänzenden Rüstungen, malerisch umwucherten Burgmauern mit holden Jungfern kokett entlang der Zinnen wandelnd, während ein minnender Ritter vom Hofe drunten sein Ständchen darbringet? Nicht in Japan, hier glänzte oder klang nur wenig zu kriegerischen Zeiten und die Kriegsburgen verloren während der Edo-Epoche (1603-1868) ihre Funktionen. Aus jenen Zeiten des Abendlandes stammende Romantisierungen von Ritterlichkeit spielten in Japan nie eine Rolle, wenn auch späterhin eine gewisse Ästhetisierung ihres Kriegerstandes erfolgte.
Burg- oder Befestigungsanlagen wurden vornehmlich zu Kriegszwecken schnell und zumeist aus Holz errichtet und fielen nur zu häufig Bränden und Zerstörung zum Opfer, weshalb heutzutage kaum mehr Originale existieren (zur Baugeschichte siehe https://t1p.de/kjjgo). Ohnedies haben japanische Bauten seit jeher, bedingt durch subtropisches Klima und geologische Wirrnisse, keine lange Lebensdauer. Seit ihren frühen Vorläufern als Ring- und Palisadenbauten waren militärische Befestigungsanlagen als Neben-, Haupt- und vor allem Kriegsburgen in Japan kaum bewohnt. Sie glichen sich im Laufe von Kriegszeiten praktisch sehr in ihren Strukturen an. Die meisten von ihnen erfüllten vor allem die Funktion befestigter Kriegszentralen und wurden als letzter Posten im Fall einer Niederlage konsequent zerstört.
In Europa und Deutschland hingegen waren Burgen gewöhnlich rund ums Jahr bewohnte Herrensitze aus solidem Steingemäuer, von denen noch heute recht viele erhalten sind (Wartburg, Pyrmont, Eltz u.v.a.m.). Sie liegen häufig erhöht auf Bergen, von denen aus ihre Ritter die Lehen überblickten, die deren Familien der Gunst ihrer Herrscher verdankten und ihnen dank Wegezöllen durch angrenzende Ländereien sowie die Abgaben umliegender Bauern ihr Auskommen mitsamt Militärmacht sicherten. So mancher dieser (Raub) Ritter trieb es in der mittelalterlichen Übergangszeit von Natural- zu Geldwirtschaft allerdings so arg, wie es Kleist in seiner Saga um Michael Kohlhaas verdichtete. Für die deutsche Etymologie interessant seien hier Verwandtschaften von Worten wie Berg, Burg und Bürger.
Japanische Burganlagen können zwar nach aufwändiger Restauration so prächtig aussehen wie „Weißer Reiher Burg“ Himejijo (UNESCO Weltkulturerbe), doch gewöhnlich sind heute von all den ursprünglichen Burgen entweder nur wenige steinerne Fundamente wie in Tokyo oder aber immer wieder erneuerte Kopien wie in Osaka erhalten geblieben. Lediglich fünf dieser Anlagen, in Größe sowie Prachtentfaltung recht verschieden, werden im originalen Zustand zumindest ihrer Haupttürme als National Treasure erhalten – Hikone, Himeji, Inuyama, Matsue und Matsumoto (der Autor dieser Zeilen nahm sich die Freude, jede einzelne davon zu besuchen und zu bewundern). Tatsächlich stellen diese sowohl architektonisch als auch ästhetisch vollendete Schmucktücke ihrer Jahrhunderte dar (15.-17.), sie werden also jahrein, jahraus nicht ohne Grund von Millionen Besuchern bestaunt und dienen immer wieder als Filmkulissen (Shogun, Ran, James Bond u.a.m.).
Grundsätzlich liegen den meisten dieser Burgen keinesfalls so gewaltig wie ästhetisch erscheinende Strukturen wie bei Himeji oder Matsumoto zugrunde. Traditionell waren dies mehretagig um einen Turm gegliederte, funktionale Holzbauten über mächtigen Steinsockeln auf solidem, geebnetem Felsgrund, wie es an einem alten Modell in der erhaltenen Burganlage von Inuyama verdeutlicht wird. Ganz oben gab es üblicherweise ein privates Gemach zur Erholung und Entspannung für den Kriegsherrn und seine Gemahlin sowie Konkubinen, während untere Etagen von gerüsteten männlichen Kriegern bis zum Ende ihrer jeweiligen Schlachten bevölkert wurden. Äußerlich umringt von Wällen und (Wasser-) Gräben gruppierten sich außerdem noch Verwaltungs- und Ruheräume, Waffenschmieden und Speichergebäude um die eigentliche Kriegsburg herum – all dies war militärischen Zwecken unterworfen. Fragen Sie mal zu Frischwasserversorgung oder Abtransport von Fäkalien zur Belagerungszeit und trauen Sie besser nicht ihren Augen, wenn in verschiedenen Filmsequenzen seidengewandete Schönheiten über jene Etagen schweben.
In diesem heute so überaus zivilisierten, kulturreichen, von Schönheit und Ästhetik gezeichneten Land ist es vielen Besuchern kaum bewusst, wie viel Unheil und Gewalt seiner Vergangenheit und dieser Nation zugrunde liegen. Stellen Sie sich eine düstere Zeit streitender Reiche über Jahrhunderte vor, Kriegsfürsten herrschen mit ihren Truppen über immer wieder umkämpfte, mal kleinere, mal größere Territorien und herrenlose Samurai (Ronin) sowie Banditen streifen ruchlos um Beute durch das Land, wie es Kurosawa in seinem epischen Film über Die Sieben Samurai darstellte. Solche hochspezialisierten Krieger bildeten in der Edo-Periode einen eigenen, sehr angesehenen Stand und übten für ihre Herren auch hohe Verwaltungsaufgaben aus. Sie hatten neben ihren Fürsten allein das Recht zum öffentlichen Tragen zweier Schwerter und die Lizenz zum Töten. Aus diesen Bushi (武士 Krieger) sollte in der Neuzeit eine Schicht von Beamten hervorgehen, welche die Meiji-Restauration in die Moderne Japans vorantrieben. Strikte Disziplin, unbedingte Loyalität und hohe Intelligenz waren neben körperlicher Fitness, umfassender Waffenkenntnis sowie täglicher Todesbereitschaft grundsätzliche Bedingungen des (Über-) Lebens als Samurai. Zum Verständnis von Bushidō, dem Weg des Kriegers, existieren mehrere Schriften von und für Samurai wie Go rin no sho oder Budō shoshin-shū, oder auch dem späteren Hagakure, wie dem Tod zu begegnen und sein Leben zu führen sei, die bis in die Meiji-Epoche und darüber hinaus die Ästhetisierung des Kriegerstandes vorantrieben, da es im Interesse eines erstarkenden Landes stand – Burgen spielen in solchen Ausführungen keine Rolle.
Im Gegensatz zu immer schwächer werdender Macht eines Hofadels symbolisieren japanische Burgen die ursprünglich mit dem Clan der Minamoto und ihrem Kamakura-Shogunat immer stärker werdende Macht des Schwertadels seit dem 12. Jahrhundert, der im Gegensatz zu Europa seine Dominanz gegenüber dem Hofadel bis in die Zeit der Meiji-Restauration Ende des 19. Jahrhunderts bekräftigte. In der Heian-Periode (8.-12. Jahrhundert), einer Hochzeit zur Entfaltung höfischer Kultur sowie Lebensart, hatte sich der Hof in Heian/Kyoto langsam vom chinesischen Einfluss gelöst und entwickelte eine eigene Schrift für ihre Landessprache – Japanisch ist mit Chinesisch nicht verwandt, japanische Autoritäten hatten aber aufgrund der Tatsache, dass chinesische Kultur dazumal alles überstrahlte, deren Kanji-Schrift übernommen, die auch bis heute zusätzlich mit jenen eigens entwickelten japanischen Schriftzeichen (Hiragana und Katakana) weiterhin genutzt wird.
Militärische Kompetenz und damit die Macht ihrer Herrscher lag in Händen von Samurai und lediglich Waffenträger und Hilfstruppen zu Fuß wurden aus den Söhnen der Bauernschaft ihrer Herrschaftsgebiete ausgehoben. Rekrutierungen zu Kriegszeiten gab es freilich auch in Japan, doch Volksarmeen, wie sie sich in Amerika, England, Frankreich, bei den Deutschen und anderswo in Europa seit den Befreiungs- und Reichsbildungskriegen formierten, kennt dieses Land nicht. Äußerliche Bedrohung hielt sich schon durch geschützte geografische Bedingungen mit gefährlichen Pazifikströmungen, unwägbaren Winden und rauen Küsten in Grenzen (bis heute ein guter Schutz, auch vor illegaler Migration). Tokugawa Iemitsu verfügte während der Edo-Epoche die nahezu komplette Abschließung Japans nach außen (Sakoku 鎖国) und forcierte eine blutige Christenverfolgung nach innen. Bis zum Vormarsch der US-Truppen im Pazifikkrieg waren Mongolen im 13. Jahrhundert die letzten, die eine Invasion japanischer Inseln versuchten und mithilfe militärischer Anstrengungen aber auch Kamikaze (神風 göttl. Winde; hier vmtl. Taifun) vertrieben wurden.
Die Provinzen auf Honshu waren überzogen mit hunderten, ja tausenden von Kriegsburgen herrschender Provinzgouverneure (大名, Daimyō), sozusagen Warlords im Japan der „streitenden Reiche“ (戦国時代 sengoku-jidai), vor der Zeit der drei Reichseiniger (Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi, Tokugawa Ieyasu , 16-17. Jhd), der sich die relativ friedliche Periode unter Shogun Tokugawa Ieyasu und seinen Nachfolgern anschloss, in welcher viele dieser Kriegsburgen nutzlos und geschleift wurden. Ein Edikt aus dieser Zeit (1615) bestimmte, dass jedem Daimyō in seinem Herrschaftsgebiet lediglich der Besitz einer einzigen Burg gestattet sei – neben der Verfügung, dass ein Teil seiner Familie in der Machtzentrale des Shogun, in Edo, zu leben und er wenigstens einmal jährlich dort zum Rapport zu erscheinen habe. Die Bedeutung ihrer Samurai als entscheidende Krieger schwand mit den zuerst durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert in Japan eingeführten und schnell verbreiteten Feuerwaffen – höchst eindrucksvoll in Szene gesetzt in Kurosawas Film Kagemusha, endend mit dem Untergang des Hauses Takeda. Das Verbot des öffentlichen Tragens von Schwertern und die blutige Niederschlagung des letzten großen Aufstandes gegen die Meiji-Restauration (Satsuma-Rebellion) besiegelten 1876/77 das Ende des Zeitalters der Samurai.
Die kurzzeitig eingeführte Wehrpflicht der Meiji-Periode – ein Leitsatz wurde Reiches Land, starke Armee – brachte vor allem zweit- und drittgeborene Söhne ohne Erbrecht unter Waffen; schnelles Erlernen, auch Kopieren europäischer sowie amerikanischer Militär- und Rüstungskenntnisse versetzten Japan binnen weniger Jahre auf den Stand einer dominanten asiatischen Militärmacht. Diese konnte gegen Russland, Korea, China und die europäischen sowie amerikanischen Kolonialmächte in Asien bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein unter dem Motto Asien den Asiaten! (https://t1p.de/4k5sb) siegreich agieren, eroberte riesige Kolonien zwischen Neuguinea und Mandschurei und beging dabei selbst schlimmste Verbrechen einer sich als überlegen gebenden Besatzungsmacht. Japanische Soldaten agierten kriegerisch von Sadismus bis Selbstzerstörung und ignorierten westliche Konventionen (vgl. Ruth Benedict, Chrysanthemum and Sword). Am Ende des Pazifikkrieges aber mussten sie dem Vorrücken immer überlegenerer amerikanischer Streitkräfte und vor allem deren Bombenübermacht weichen – Japan kapitulierte und entwickelte sich seither zu einer Industriemacht, die aktiven Kriegseintritt scheut.
Japanisches Verhalten und Denken sind in nahezu jeder Hinsicht verschieden zum Abendland und der spirituelle Hauch der Samurai durchweht japanische Kultur – auch wenn diese selten mehr als 7% der Bevölkerung ausmachten, so wurde doch ihre Art des Lebens und Kunst des Sterbens zum Ende von Edo und dem Beginn der Neuzeit, also dem Übergang ihres Feudalismus hin zur Moderne, ein dominanter Aspekt ihrer Kulturentwicklung. Dann und wann offenbart sich auch heute noch gewisse Mordlust von Geistesgestörten, denn selbst in diesem oberflächlich so friedlich erscheinenden Land treten manchmal noch kriegerische Psychopathen auf. Doch Japaner sehen sich, anders als europäische Bürger auch dank konsequenter Immigrationspolitik, in ihrer Heimat nicht exzessiv ansteigenden Gewaltverbrechen durch gewaltbereite Zuwanderer ausgesetzt – werfen Sie nur mal einen Blick ins heutige Deutschland oder nach Frankreich, England, Schweden, bedenken sie all die terroristisch-islamistischen Attacken seit 2015 in Gesamteuropa mit hunderten Todesopfern und vergleichen Sie. Ein anderer Unterschied zur europäischen Zivilisation ist, dass von der Mehrheit der japanischen Bevölkerung die Todesstrafe befürwortet und auch konsequent durchgeführt wird bei „extrem bösartigen Verbrechen“, wie beispielsweise der Giftgasanschlag der Aum-Sekte 1995, deren verurteilte Todeskandidaten zuletzt 2018 exekutiert wurden – Hinrichtungsart in Japan ist gewöhnlich der Strang.
Anders als zum Beispiel die Bundeswehr, deren Leistungsfähigkeit mitsamt den in der Zeit ihres Niederganges zuständigen Verteidigungsministerinnen von der Leyen, Kramp-Karrenbauer und Lambrecht selbst im eigenen Land verhöhnt wird, gelten die japanischen Selbstverteidigungskräfte als effizient sowie kompetent, waren aber bislang nie ernsthaft in kriegerische Kampfhandlungen verstrickt worden. Auf Bitte, vielleicht Drängen, der USA halfen sie mit einer Reconstruction and Support Group in Bataillonsstärke zwischen 2004 – 2008 in Irak und Kuwait aus. Das offensichtliche Scheitern europäischer Friedensordnung, RUS-UKR-Krieg, ökonomische Verwerfungen, globale Konfrontationen, Einsätze von NATO-Staaten, Militärberatern, russischen u.a. Söldnern, das Asyldebakel der EU und das spezielle Immigrationsfiasko westeuropäischer Länder wie Deutschland bekräftigen Japan in seiner vergleichsweise abweisenden Politik und seiner erweiterten Suche nach Bündnispartnern außerhalb G7/NATO im pazifischen Raum. Die Ergebnisse politischen Scheiterns im Westen bestätigen Japans Weigerung, seine Tore weit zu öffnen für hunderttausende afrikanische, vorder- und mittelasiatische Jungmänner im kriegerischen Alter – zumal ohne Nachweis ihrer Identität! – obschon durchaus Flüchtlingskontingente, wenn auch in kleineren Zahlen, akzeptiert werden, dieses Land viele arbeitswillige Zuwanderer Asiens Jahr um Jahr immigrieren lässt, Muslime sich hier niederließen und ihre Moscheen eröffneten.
Was nun moderne Kriegsführung betrifft, so existieren freilich keine imposanten Burgen mehr als The Last Stand, doch ich denke, dass Japan in seiner spezifischen Lage und sicherlich mehr als Deutschland als kriegstüchtig zu betrachten ist, dass diesem Land und seinem Volk nur schwierig nahe- geschweige denn beizukommen ist, falls jemand solches plane, wie dies vor fast 80 Jahren amerikanische Militärs zu ihrem fürchterlichen Einsatz der zerstörerischsten Bomben ihrer Zeit bewogen haben mag und Japan nach ihrer Kapitulation ihre, längst nicht von allen hierzulande gutgeheißene, Partnerschaft mit dem Westen auferlegte. Im Angesicht veränderter Zeitläufte – mit militärisch aggressiven Ländern wie China, Nordkorea und Russland in umgrenzender Nachbarschaft – gibt es seit den Zeiten des Premiers Abe schon Diskussionen um die Revision des Artikels 9 in ihrer Verfassung, der militärisches Vorgehen bei der Lösung international politischer Konflikte verbietet. Der Streit mit China um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, die Taiwanfrage direkt vor Okinawas Haustür mit dort stationierten US-Marines, der Zwist um die Kurilen gegen Russland und Nordkoreas fortwährend versuchte Attacken bleiben köchelnde Kriegsdrohungen für Japan.










