Sumō – 相撲

“Even the full-size wrestlers are surprisingly graceful, like ballerinas inside stacks of tires”
Karin Muller, Japanland

Sumo bedeutet einfach (Ring-) Kampf gegeneinander und die ersten Aufzeichnungen darüber (z.B. in der Nihongi-Chronik aus dem 8. Jahrhundert) berichten über Kämpfe unter Göttern, die mehr als 2000 Jahre zurückreichten.

Der Kampfplatz (Dohyō 土俵) besteht aus festgestampftem Lehm im Quadrat ohne seitliche Begrenzung, mit darin kreisrund (ca. 4,5 Meter diagonal) eingelassenen Seilballen aus geflochtenem Reisstroh und darüber ist ein prächtig geschmücktes Dach in Form eines Schreins befestigt. Die immer länger werdende Zeit der Einleitung zum Kampf, das imposantere Auftreten der Streiter, ihre gründlichere Vorbereitung am Dohyo und eine immer prachtvollere Kleidung der Schiedsrichter zeugen von einem von Kampf zu Kampf immer höher steigenden Rang der Sumo-Ringer/Sumotori (相撲取り), deren Großmeister den Titel eines Yokozuna (横綱) tragen und die Höhepunkte eines Turniers bestreiten. Es sind diese Yokozuna, die mit prachtvoll besticktem Seidenschurz umgürtet, zum Auftakt eines Turniers in die Mitte einmarschieren, in die Hände klatschen, um die Aufmerksamkeit der Götter zu erlangen, die offenen Handflächen nach oben zum Dach/Himmel präsentieren, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind, und auf den Lehmboden stampfen, um die bösen Geister zu vertreiben. Vor jedem einzelnen Kampf wird einiges davon wiederholt, zum Beispiel das Aufstampfen zum Vertreiben der bösen Geister, dann aber auch schon mit dem Hintergedanken, den Gegner einzuschüchtern, sich ihm gegenüber zu postieren und genau zu beobachten, wie dieser sich bewegt, welche Kampftechnik er wohl verwendet und mehr. Die Kämpfer plustern sich also vor ihrem Wettstreit mehr oder weniger gegeneinander auf (erinnert ein wenig an den Auftritt von Silberrücken 😉 ); das Ausspülen des Mundes mit Wasser, Abwischen des Schweißes und Auswerfen von Salz gehören als Reinigungsrituale noch dazu, bevor sie sich in gebückter Haltung zueinander postieren und das Signal mit dem Fächer des Ringrichters erwarten, um dann wie von der Sprungfeder losgeschnellt, gegeneinander anzuspringen, versuchen den Gegner am Lendenschurz oder am Nacken zu packen und zu Fall zu bringen. Der Kampf ist zu Ende, wenn einer der Athleten aus dem Ring aus Reisballen gedrängt wird oder mit etwas anderem als seinen Fußsohlen den Boden berührt. Die meisten Sumo-Ringer sind enorm kolossal und schwer, trotzdem aber gelenkig und geschickt und so mancher entscheidet den Kampf mit einer schnellen Ausweichbewegung, in deren Folge sein Gegner, von seiner eigenen Vorwärtsbewegung und der dahinterstehenden Energie fortgerissen, das Gleichgewicht verliert und zu Boden stürzt. Wenn ein Kampf besonders ansehnlich, gut oder auch schlecht war, oder ein rangniederer Sumo-Ringer besiegt gar einen Yokozuna, dann werfen die nahe sitzenden Zuschauer (das sind die auf den ganz teuren Plätzen!) als Zeichen von Applaus oder Empörung traditionell ihre Sitzkissen nach vorne. Gefühle zu zeigen ist in Japan ohnehin kaum üblich und auch hier, zu einem solchen Wettstreit an diesem mit Adrenalin gesättigtem Orte, passiert dies nicht. Nach dem Kampf, der häufig nur Sekunden dauert, verbeugt sich der Unterlegene kurz, bekommt als Zeichen der Anerkennung zumeist vom Sieger eine Kelle Wasser gereicht und verlässt den Platz, während der Sieger keine Zeichen des Triumphes zu erkennen gibt, die Siegprämie vom Ringrichter überreicht bekommt und ebenfalls nach Verbeugung den Platz verlässt.

Turniere finden heutzutage fünfmal im Jahr statt, in den Städten Tokyo, Osaka, Nagoya und Fukuoka und sind für die Sumo-Ringer wichtig, um ihren Rang zu erhalten oder zu verbessern. Es ist auch ein sehr einträgliches Geschäft für die untereinander konkurrierenden Sumo-Ställe, denn bei solchen Turnieren wird über Werbung, Merchandising, Tickets usw. richtig viel Geld umgesetzt. Somit ist es vergleichbar mit den europäischen Turnieren der Profi-Fußballer. Auch der Markt für Sumo-Ringer in Japan ist schon seit einer Weile internationalisiert und die Ringer, die in ihrer Jugend nach Japan kommen (denn hier lässt sich richtig gut Geld verdienen, wenn man erfolgreich ist), lernen recht gut die Sprache und Sitten des Landes. 2014 geschah es das erste Mal, dass die drei größten Yokozuna nichtjapanischer Abstammung/Mongolen waren; in der Mongolei wird bekanntlich auch eine sehr alte Ringertradition gepflegt, es gab aber auch schon lange vorher in Japan Ringer aus der Mongolei, von Samoa, Hawai’i oder auch woanders – in diesem Jahr sieht es so aus, dass ein sehr starker georgischer Ringer in der Hierarchie der Sumo-Ringer schnell aufsteigt. Im Zusammenhang mit diversen Skandalen um Gewalttätigkeit der Sumotori untereinander und vor dem Hintergrund, dass die Sumo-Ringer in der Öffentlichkeit ein sehr traditionsbewusstes japanisches Leben zu führen haben, brachte dies anhaltende Diskussionen um den japanischen Nationalsport Sumo mit sich. Das Leben in einem Sumostall ist für einen Neueinsteiger nicht allzu einfach und es herrscht eine strenge Hierarchie – die Neuen kümmern sich um die Reinigung, Einkäufe, Essen und die Pflege der Kleidung der Älteren und je erfolgreicher einer der Älteren wird, desto höher dotierte Kämpfe, Erfolgsprämien und Freiheiten bekommt er.

 

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